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Ein ganzes Volk wurde zerschmettert

Das international besetzte Sondertribunal soll heute das Urteil über einen der Khmer-Schergen fällen

Nomg Chan Phal war acht Jahre alt, als er seine Mutter zum letzten Mal sah. Die Wächter des Gefängnisses in Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh, erlaubten ihm einen letzten Blick, während die Frau sich an die Gitterstäbe ihrer 1,5 Quadratmeter großen Zelle klammerte. Dann wurde sie abgeführt und „zerschmettert“, wie Kang Guek Eav, der 67-jährige damalige Chef des Zuchthauses, die bevorzugte Hinrichtungsmethode der Roten Khmer beschrieb. Die Schergen versetzten ihr mit einem schweren Holzknüppel einen tödlichen Schlag auf den Hinterkopf, wie Tausenden anderen Kambodschanern, die zuvor monatelang gefoltert worden waren.

Nomg Chan Phal brach in Tränen aus, als er seine Erlebnisse vor dem Kriegsverbrechertribunal schilderte. Er ist einer von nur elf, die den Aufenthalt im Gefängnis S-21 überlebten. Mit fünf Millionen anderen Kambodschanern, die den Völkermord unter Führung des berüchtigten Roten Khmer-Chefs „Bruder Nummer Eins“ Pol Pot überstanden, wartet er heute, 31 Jahre nach dem Ende des Regimes, auf das Urteil gegen „Duch“, wie der ehemalige Zuchthausleiter genannt wird. 28000 Kambodschaner besuchten den Prozess. Die Urteilsverkündung soll direkt im Fernsehen übertragen werden.

Der frühere Mathematiklehrer ließ den Massenmord in S-21, einem von rund 200 Kerkern der Roten Khmer, bürokratisch akribisch und schriftlich dokumentieren. Zum Beginn des Prozesses im März 2009 entschuldigte er sich bei den Opfern. Während seiner Aussagen stellte er sich zunächst als reuiger Angeklagter dar, als Mann, der sich nach dem Zerfall der Roten Khmer einer fundamentalistischen christliche Sekte anschloss.

Verteidiger forderte Freispruch

Beobachter sind überzeugt, dass es dabei um die Strategie seines französischen Staranwalts Francois Roux handelt. Inzwischen führt der kambodschanische Verteidiger Kar Savuth das Wort. Er präsentierte Duch als machtloses Instrument einer perfekten Mordmaschine, als Opfer, das töten musste, um nicht selber vor dem Henker zu landen. Kar Savuth forderte Freispruch.

Savuth ist auch für Kambodschas Premier Hun Sen tätig. Daher wird über eine Einflussnahme der Regierung spekuliert. Es wäre nicht das erste Mal. Rund zehn Jahre lang stritten sich Phnom Penh und die UN über die Modalitäten des Verfahrens, bevor 2005 das Spezialgericht aus zwei ausländischen und drei einheimischen Richtern gebildet wurde. Es gibt massive Vorwürfe wegen Korruption. Schon jetzt fehlt Geld für das Verfahren „002“ gegen „Bruder Nummer Zwei“ Nuon Chea, einstiger Chefideologe des Regimes, Ex-Präsident Khieu Samphan, der ehemalige Außenminister Ieng Sari und die frühere Sozialministerins Ieng Tirith. Keiner der Angeklagten ist jünger als 78 Jahre alt. Viele fürchten, dass sie aus Gesundheitsgründen einem Verfahren entgehen könnten.

Pol Pot selbst starb in einem Dorf an der Grenze zu Thailand, in dem er sich bis zu seiner Entdeckung durch Journalisten versteckt hatte. Die Roten Khmer hatten sich in die Region zurückgezogen, nachdem Vietnam vor 31 Jahren Phnom Penh eroberte und dem Völkermord ein Ende setzte, dem rund zwei Millionen Menschen zum Opfer fielen. Aber ihre Strukturen hielten bis in die Mitte der 90er Jahre. Sie kontrollierten das Grenzgebiet und finanzierten sich mit dem Verkauf von Rubinen. China und die USA leisteten heimliche Unterstützung, weil sie Vietnam schwächen wollten. Die Größen des Regimes lebten bis vor zwei Jahren unbehelligt.

Nur der Kerkermeister Duch hatte Pech. Er sitzt seit elf Jahren in Untersuchungshaft. „Er darf nicht mit einer leichten Strafe davonkommen“, sagt Chum Mey, der dem Zerschmettern entging, weil man ihn zum Reparieren von Nähmaschinen brauchte. „Duch muss verurteilt damit, als Beispiel für die junge Generation.“

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