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Ein deutsches Massaker

Gedenken an Wehrmachtsverbrechen in Maillé

26.08.2008 00:08
HANS-HELMUT KOHL

Oradour ist als Synonym für deutsche Kriegsverbrechen berüchtigt - von Maillé wusste lange kaum jemand. Am Montag war Nicolas Sarkozy als erster französischer Staatspräsident bei einer Gedenkfeier in der Gemeinde bei Tours, zur Erinnerung an eine der schlimmsten Gräueltaten der deutschen Besatzungsmacht.

In Maillé ermordeten deutsche Soldaten am 25. August 1944 binnen Stunden 124 Menschen, darunter 42 Frauen und 44 Kinder - Vergeltung für einen Anschlag der Résistance auf zwei deutsche Militärfahrzeuge in der Nacht zuvor. 60 bis 100 Soldaten waren an dem Massaker beteiligt. Nach dem Abzug beschossen sie das 500-Einwohner-Dorf mit Granaten.

Der heute 74 Jahre alte Serge Martin überlebte auf einem zwei Kilometer entfernten Bauernhof, bei den Großeltern. Seine Mutter habe ihr sechs Monate altes Baby auf den Armen gehalten, als ein Soldat es in den Kopf schoss. Dann musste die Mutter sterben, wie ihr Mann, die fünf Jahre alte Josyane, der elfjährige Raymond.

Sarkozy sprach von einem Akt "unmenschlicher Barbarei". Es gehe darum, "die Zivilisation zu verteidigen", wo immer sie mit solchen Gräueln konfrontiert sei. Er denke dabei "auch an das Opfer unserer zehn jungen Soldaten angesichts dieser mittelalterlichen Barbaren, der Terroristen, die wir in Afghanistan bekämpfen".

Der Massenmord von Maillé wurde in Frankreich auf nationaler Ebene kaum wahrgenommen, auch, weil sein Datum mit dem Jahrestag der Befreiung von Paris zusammenfällt. Französische Geschichtsbücher erinnern an Oradour-sur-Glane, das SS-Angehörige niederbrannten und wo sie 642 Einwohner ermordeten. Dass Sarkozy bei der Gedenkfeier Frankreichs langes Ignorieren des Massakers "einen "moralischen Fehler" nannte, sehen die Bewohner Maillés mit Genugtuung.

Staatsanwalt ermittelt

Erst seit einigen Jahren interessieren sich französische Historiker für Maillé - und die deutsche Justiz: Der Dortmunder Oberstaatsanwalt Ulrich Maaß, Leiter der nordrhein-westfälischen Zentralstelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen, leitete vor drei Jahren ein Ermittlungsverfahren ein, gegen unbekannt. Denn bis heute ist unklar, welche deutschen Einheiten das Massaker verübten: Wehrmachtssoldaten oder Waffen-SS? Maaß hält für möglich, dass es Soldaten der 17. SS- Panzergrenadierdivision waren. Er sprach im Juli in Maillé mit allen 58 Überlebenden. Uniformfarben oder Dienstgrade sollen Hinweise geben. Doch die Überlebenden waren damals Kinder - und die meisten der Mörder dürften längst tot sein.

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