Lade Inhalte...

Vorwürfe gegen Erdogan Türkei streitet über Tonmitschnitte

Das angebliche Telefongespräch zwischen dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan und seinem Sohn Bilal erhitzt die Gemüter.

26.02.2014 18:17
Von Frank Nordhausen, Timur Tinç
Die türkische Polizei geht hart gegen Anti-Regierungs-Demonstranten vor. Foto: rtr

Der Slogan könnte deutlicher nicht sein: „Überall ist Bestechung, überall ist Korruption.“ So haben am Mittwoch in Istanbul Tausende Anhänger der kemalistischen Oppositionspartei CHP den Rücktritt der AKP-Regierung gefordert. Dabei wurden 30 Millionen Euro Spielgeld herumgeworfen und symbolisch an das Volk verteilt.

Hintergrund sind neue Tonmitschnitte, die jemand ins Internet stellte und die sich seit Montagabend blitzschnell verbreiteten – bis Mittwochnachmittag wurden sie fast vier Millionen Mal auf Youtube abgerufen. Es handelt sich Aufnahmen, die den türkischen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in der anhaltenden Korruptionsaffäre der Türkei massiv belasten. Denn angeblich ist zu hören, wie er seinen Sohn Bilal anweist, mehrere hundert Millionen Euro sofort aus seinem Haus verschwinden zu lassen – „auf Null zu setzen“.

Über die Echtheit der Aufnahmen wird in der Türkei derzeit heftig debattiert. Der Kanalkoordinator des türkischen Staatssenders TRT, Kürsad Özkök, bezeichnete sie als „billige Montagen“. Sie seien mit Copy-Paste hergestellt worden. Attila Özdemiroglu, ein Musiker und Tontechniker, der einst auch Vorsitzender der Gesellschaft Mesam der Verwertungsrechteinhaber von Musikstücken gewirkt hatte, bezeichnete sie auf seinem Twitter-Account als authentisch.

Die neuen Aufnahmen sind angeblich ein Zusammenschnitt von fünf Telefonaten, die der Ministerpräsident frühmorgens am 17. Dezember mit seinem Sohn Bilal führte, gegen den wegen Bestechung in Millionenhöhe und unsauberer Immobiliengeschäfte ermittelt wird: „Bring alles weg, was in Deinem Haus ist“, sagt die ältere der beiden Stimmen in dem Mitschnitt. „Dein Geld ist im Tresor“, antwortet die jüngere Stimme. Angeblich kurz vor Mitternacht sagt der jüngere Mann in einem weiteren Telefonat, 30 Millionen Euro hätten noch nicht „aufgelöst“ werden können. Er fragt dann: „Soll etwas Geld bei Dir verbleiben?“ In einem fünften und letzten Anruf warnt der Ältere: „Sohn, Du wirst abgehört.“

"Ekelhafter Angriff"

Erdogan, der am Mittwoch 60 Jahre alt geworden ist, bezeichnete die Aufnahmen vor der AKP-Parlamentsfraktion am Dienstag in Ankara als „ekelhaften Angriff“ auf die Regierung. Er sagte, es handele sich um „Montagen“, was darauf hindeuten könnte, dass die Stimmen echt sind. Die Echtheit anderer in letzter Zeit im Internet publizierter Telefonmitschnitte hatte Erdogan nicht bestritten. Der Premier beschuldigte die Opposition und den im US-Exil lebenden Islamprediger Fethullah Gülen, Urheber der Aufnahmen zu sein und ein Komplott gegen ihn zu schmieden.

Besondere Brisanz haben die Aufnahmen – falls sie echt sind –, weil sie vom 17. Dezember stammen sollen, als Istanbuler Staatsanwälte mehr als 70 Personen aus dem Umfeld der konservativ-religiösen Regierungspartei AKP unter dem Vorwurf der Korruption und der Bestechlichkeit verhört oder festgenommen hatten. Sie traten damit den größten Korruptionsskandal der türkischen Geschichte los und entfesselten eine Regierungskrise, die bis heute anhält. Erdogan ließ daraufhin Tausende leitende Polizeibeamte und über 150 Staatsanwälte strafversetzen und drei umstrittene Notstandsgesetze zur Kontrolle des Internets und der Justiz sowie zur Erweiterung der Geheimdienstbefugnisse im Parlament verabschieden.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hat der umstrittenen Justizreform am Mittwoch zugestimmt. Das Präsidialamt in Ankara verlautbarte am Mittwoch, Gül vertrete die Auffassung, dass nach wie vor bestehende Bedenken hinsichtlich der Reform am besten vom Verfassungsgericht geklärt werden sollten. Auch ein zweites umstrittenes Projekt der Regierung nahm eine entscheidende Hürde: Das Parlament in Ankara verabschiedete in der Nacht eine Reihe von Nachbesserungen zum neuen Internetgesetz.

In der Hauptstadt Ankara und in anderen Städten wie Izmir und Samsun gingen am Mittwoch außerdem mehrere tausend Lehrer auf die Straße, um gegen Entlassungen zu protestieren. Die Polizei in Ankara stoppte die Beamten und setzte Tränengas und Pfefferspray ein, um sie auseinanderzutreiben. (mit afp)

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum