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Türkei und Syrien „Eine Bodenoffensive ist keine Option“

Wie weit geht Erdogan nach den Anschlägen in der Türkei? Der Türkei-Experte Günter Seufert spricht im Interview mit der FR über Ankaras Kurs gegen den Terror.

Der Experte glaubt nicht, dass die Türkei mit Bodentruppen in syrisches Kurdengebiet vordringen wird. Foto: dpa

Herr Seufert, der türkische Präsident Erdogan sagt, auch wenn die Kurden die Verantwortung für den Anschlag bestreiten, habe er Belege für die Verantwortung der PYD, des politischen Arms der syrischen Kurden. Er startete sofort die Vergeltungsschläge. Was heißt das für den Syrien-Krieg?
Diese vermutete Täterschaft bestätigt das Weltbild der türkischen Regierung. Sie hat ihre Syrien-Politik vom großen Ziel, Syriens Präsidenten Assad zu stürzen, dahin verengt, vor allem einen kurdisch verwalteten Gürtel an ihrer Südgrenze zu verhindern. Deshalb geben türkische Geschütze seit einer Woche Dauerfeuer auf die Stellungen der YPG ab, das sind die Milizen der PYD.

Allerdings wurden sie dafür nicht nur von Russland und Assad kritisiert, sondern auch von USA, EU und nun auch vom UN-Sicherheitsrat. Wenn die Türkei nun sehr schnell von der Schuld der PYD überzeugt ist, dann auch, weil es ihre These stützt, dass die PYD und die syrischen Kurden eine direkte Gefahr für Sicherheit der Türkei sind – und dass die USA sie nicht länger unterstützen sollten.

Die PYD und ihre Milizen haben als Organisationen der syrischen Kurden vor allem deren Siedlungsgebiete verteidigt und nach dem Rückzug der Assad-Armee einige autonome Kantone aufgebaut. Sie galten lange als starke Kraft gegen den IS. Wie gefährlich sind sie für Ankara?
Rein sicherheitspolitisch bisher gar nicht. Es gab keinen Anschlag der YPG-Milizen in der Türkei und kein Beschuss von YPG-Stellungen auf die türkische Grenze. Die PYD hat auch immer betont, gute Beziehungen zur Türkei anzustreben. Noch bis vor zwei Jahren pflegte sie regelmäßigen Kontakt zur türkischen Regierung. Insofern gibt es für die PYD keinen rationalen Grund für einen solchen Anschlag. Sie wird zwar derzeit heftig von der Türkei beschossen, aber sie weiß auch, dass die Türkei nur darauf wartet, sie als Terroristen abzustempeln und ihre Unterstützung durch die USA beenden will.

Waren die Kurden der PYD und ihre Milizen so nah an einem autonomen Kurdengebiet? Oder woher die türkische Panik?
Die Panik der Türkei rührt aus zwei Gründen: Erstens haben sich die vier kurdischen Kantone in Syrien in den letzten zwei Jahren stabilisiert. Zweitens könnten die kurdischen Milizen bald den letzten offenen Korridor zwischen diesen Kantonen schließen. Der Türkei käme der letzte Zugang abhanden, über den sie die Assad-Opposition unterstützt. Sie hätte kaum noch Einfluss auf den Krieg.

Muss man mit türkischen Bodentruppen in syrischen Kurdengebieten rechnen?
Das ist eher keine Option. Aus der türkischen Regierung wurden noch am Mittwoch Alleingänge ohne die USA abgelehnt. Die neue Entwicklung erhöht nun den Druck auf die westliche Allianz, die ja bisher klar unterscheidet zwischen der PKK – die die Kurden in der Türkei organisiert und Anschläge verübt – und der PYD, die zwar ideologisch mit der PKK verwandt ist und wohl auch in Syrien mit ihr kooperiert, sich aber allein im Kontext des Syrienkrieges bewegt.

Was heißt das für die Hoffnung des Westens, in Syrien zunächst gegen den IS als gemeinsamen Gegner vorzugehen?
Die Türkei setzt die syrischen Kurden mit der PKK gleich – und sah die Kurden stets als primären Feind in Syrien. Nach den IS-Anschlägen, zuletzt auf Touristen in Istanbul, bestand eine kleine Chance, dass auch Ankara zunächst den Kampf gegen IS priorisiert. Der neue Anschlag und die schnelle Schuldzuweisung an die PYD gehen nun wieder klar in die andere Richtung.

Wenn die Türkei in Syrien noch intensiver bombardiert, steigt dann die Gefahr eines Zusammenpralls mit Russland – und gar eines Nato-Bündnisfalls?
In Syrien wäre das kein Bündnisfall, weil die Nato ja ein Verteidigungsbündnis ist. Die Nato wäre gefragt, wenn jemand die Türkei angreift. Insofern ist interessant, dass die türkischen Behörden jetzt von einem Täter ausgehen, der syrischer Staatsbürger ist, enge Verbindungen zum Assad-Regime hat und PYD-Mitglied ist. Bestätigt sich das, wäre die Türkei gleich gegen zwei Feinde im Recht: Assad, aber auch die Kurden.

Interview: Steven Geyer

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