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Türkei Rote Nelken für die Opfer

Nach dem Anschlag ist die Trauer in Istanbul und die Verunsicherung bei den Besuchern deutlich spürbar. Auch wenn die Schäden durch die gewaltige Explosion behoben sind, als hätte es sie nicht gegeben.

Rückkehr zur Normalität: Arbeiter säubern den Tatort in der Istanbuler Altstadt. Foto: AFP

Es ist, als hätte der Terroranschlag in der historischen Altstadt Istanbuls auch die Sonne verjagt. Eine graue Wolkendecke liegt am Mittwoch über der Metropole und drückt zusätzlich auf die Stimmung. Auf dem Sultan-Ahmet-Platz zwischen den weltberühmten Baudenkmälern Hagia Sophia und Blauer Moschee, der das alte Europa und die neue Türkei sinnbildlich umfasst, hatte der Selbstmordattentäter sich selbst und eine Touristengruppe am Dienstagmorgen in die Luft gejagt. Zehn Deutsche starben bei dem symbolisch genau kalkulierten Angriff. 15 Menschen wurden teils schwer verletzt, auch sie stammen überwiegend aus Deutschland, zwei kämpften am Mittwoch auf der Intensivstation noch mit dem Tod. Sie alle hatten einen unbeschwerten Winterurlaub mit Kulturprogramm in Istanbul und Badeurlaub in Dubai verbringen wollen.

Nachdem die Polizei den weiträumig abgesperrten Sultan-Ahmet-Platz am Mittwochmorgen zunächst für Passanten freigegeben hatte, riegelt sie ihn gegen Mittag wieder ab, weil politische Prominenz am Tatort erwartet wird. Fernsehkameras reihen sich vor den Absperrungsgittern auf, Korrespondenten aus vielen Ländern sprechen über die Stimmung und die Stimmen Istanbuls am Tag, nachdem das touristische und kulturelle Herz der türkischen Republik tief verletzt wurde. Sie sprechen darüber, dass sich die Türkei und ihre glitzernde Metropolis nur schwer von diesem Schlag werden erholen können.

Dabei ist es nicht so, als wären keine Touristen auf dem Sultan-Ahmet-Platz, es sind nur weit weniger als sonst, selbst im Winter. Vor der prächtigen römischen Yerebatan-Zisterne warten normalerweise Dutzende Menschen auf Einlass, am Mittwoch stehen sich nur ein paar Polizisten die Beine in den Bauch. Ähnlich das Bild vor dem weltberühmten Topkapi-Palast und selbst vor dem Hagia-Sophia-Museum, der meistbesuchten Touristenattraktion des Landes. Wenige Europäer sind zu sehen, vor allem arabische Gäste, die in der Nebensaison aber ohnehin das Gros der Besucher Istanbuls ausmachen.

„Irgendwie traurig“ fühle sie sich, sagt die 18-jährige Sophia Winkler aus North Carolina in den USA, die mit ihren gleichaltrigen Freunden Matas und Lucien einen Tag zuvor erst mit dem Bus nach Istanbul gekommen ist. Angst habe sie nicht, aber auch kein gutes Gefühl. „Wir müssen uns wohl daran gewöhnen, dass es keinen sicheren Ort mehr gibt auf der Welt“, sagt die zierliche blonde Studentin. Die jungen Leute wollen die Hagia Sophia besichtigen und möchten jetzt, da sie nun einmal hier sind, auch nicht darauf verzichten.

Sophias Freund Lucien, der aus dem US-Bundesstaat Minnesota stammt, ist innerlich zerrissen. „Istanbul ist sehr schön“, sagt er, „aber wenn wir gewusst hätten, dass die Hagia Sophia direkt neben der Blauen Moschee steht, wo der Anschlag passierte, wären wir nicht hergekommen.“ Die drei Freunde wollten ursprünglich eine Woche in Istanbul bleiben, jetzt verkürzen sie ihren Besuch auf zwei Tage und wollen dann weiter nach Izmir an die Ägäis fahren, wo Sophia seit vier Monaten als Au-pair arbeitet. In ihrem Hostel seien bereits einige Gäste wegen des Terrorangriffs abgereist, sagen sie. Sie sind davon überzeugt, dass der Terrorist gezielt westliche Touristen töten wollte. Deshalb wundern sie sich, wie wenig Polizei in der Istanbuler Altstadt zu sehen sei. Sie fühlten sich nicht besonders sicher, sagt Lucien. „Wenn der Anschlag in Amerika passiert wäre, wären die Sicherheitsmaßnahmen viel, viel strikter.“

Verunsichert sind wohl die meisten Besucher der Istanbuler Altstadt an diesem Tag. Anders als die jungen Amerikaner lobt Khaled Salim, modern gekleideter Mitarbeiter einer Telekom-Firma aus dem saudi-arabischen Dschidda, die Sicherheitsmaßnahmen in Istanbul. Er steht mit seiner Frau und den zwei kleinen Töchtern ebenfalls vor der Hagia Sophia. Am Eingang des Großen Basars seien sie am Morgen von der Polizei gründlich kontrolliert worden, das sei vorbildlich, sagt der 39-Jährige. „Istanbul ist für uns Saudis ein beliebtes Reiseziel, weil die Türkei als sicher gilt. Als wir gestern ankamen, erzählte uns der Taxifahrer, was passiert war. Da wollten wir am liebsten gleich wieder umkehren.“ Khaled Salim möchte seinen Urlaub trotzdem nicht abbrechen. „Ich habe das Gefühl, dass die Türkei sich um die Sicherheit bemüht“, sagt er.

Wie  Khaled Salim stammen viele Touristen, die sich in die Altstadt trauen, aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Wenige Italiener, Engländer oder Schweden kommen auch, Deutsche scheinen die Gegend zu meiden. Doch auf einer Bank direkt vor der Hagia Sophia sitzen zwei junge Deutsche, die türkische Eltern haben. Furkan Aydin und Pinar Delikaya stammen aus Berlin, studieren  in Istanbul Architektur und arbeiten  an einem Fotoprojekt in der Hagia Sophia.

Angst habe sie nicht wirklich, sagt die 20-jährige Pinar Delikaya, die ein blaues Kopftuch trägt. Aber unheimlich sei es schon. „Wir wollten eigentlich gestern auch hierherkommen und sind froh, dass wir das nicht getan haben.“ Ihr Kommilitone ergänzt, dass es überall gefährlich sei, auch in Berlin, man könne sich nirgends mehr verstecken. „Nicht in Istanbul, nicht in Neukölln, nicht in Spandau.“ Aber ja, die Stimmung sei gedrückt. Traurig. „Bitter“, sagt Pinar Aydin.

Von trüber Stimmung, von großer Hilflosigkeit sprechen auch die Touristenführer, die am Eingang zur Hagia Sophia auf Kunden warten. Sie haben alle den Feuerball gesehen, die Detonation am Dienstagmorgen gehört. Sie sagen, ihr Beileid gelte den Deutschen, den Opfern, den Angehörigen. „Wir sind am Boden zerstört“, sagt Ugur Küpeli, der den Fremden seit 50 Jahren die Hagia Sophia, die Blaue Moschee und den Theodosius-Obelisken zeigt. „Iich habe noch die Hippies erlebt, die Flaute nach dem Erdbeben von 1998, aber niemals so etwas Furchtbares wie jetzt!“

Küpeli und seine Kollegen haben am Mittwoch praktisch nichts zu tun, niemand will ihre Dienste in Anspruch nehmen. Voller Hochachtung erzählen sie von ihrer Kollegin Sibel Satiroglu, die mit einer Bauchverletzung im Krankenhaus liegt. Die Fremdenführerin hatte die deutsche Reisegruppe betreut und den Attentäter bemerkt, als er sich zwischen die Touristen drängte. „Weg! Lauft um euer Leben!“, habe Sibel gerufen, berichtet Ugur Küpeli. „Sie ist eine wahre Heldin. Unsere Heldin“, sagt er. Ihr Warnruf habe einigen aus der deutschen Gruppe das Leben gerettet.

Gegen 14.30 Uhr heulen Polizeisirenen, schwarze Limousinen biegen mit Blaulicht ein auf den Sultan-Ahmet-Platz, kommen am Thedosius-Obelisken zum Stehen, neben dem sich der Attentäter am Dienstag in die Luft sprengte. Es ist die Wagenkolonne des türkischen Regierungschefs Ahmet Davutoglu und des deutschen Innenministers Thomas de Maizière. Die Politiker legen rote Nelken an der Umzäunung des historischen Monuments ab. Dann gehen sie zu Fuß durch die Gassen der Altstadt in Richtung der Istanbuler Universität.

Als die Polizei wenig später den Sultan-Ahmet-Platz wieder für Passanten freigibt, versammeln sich viele Menschen um den altägyptischen Obelisken und gedenken schweigend der Anschlagsopfer. Die Schäden durch die gewaltige Explosion sind behoben, als hätte es sie nicht gegeben, das Pflaster erneuert, das Blut aufgewischt. Ein Plakat hängt am Zaun, handschriftlich steht darauf: „Fluch dem Terror – Fluch denen, die unser Land zerstören wollen!“ Ein alter Türke mit Häkelmütze sagt in gebrochenem Deutsch: „Es tut mir so leid für die Opfer. Sie wollten die Schönheit Istanbuls sehen und wurden ermordet. Was sind das für Unmenschen, die so etwas tun?“

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Türkei

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