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Dorothee Bär „Wir brauchen digitale Volkshochschulen“

Die Staatsministerin für Digitalisierung Dorothee Bär über Instagram als direkten Draht zu Jugendlichen und zu einem twitternden Horst Seehofer.

Dorothee Bär
Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, spricht auf der Eröffnung der Spielemesse Gamescom in Köln. Foto: Oliver Berg (dpa)

Dorothee Bär pflegt eine direkte Sprache. Die Fränkin (40), verheiratet, dreifache Mutter, tritt selbstbewusst und mitunter selbstironischen auf. Sie und kümmert sich um Digitales. Auf Instagram, einem Netzwerk, das mancher Parteifreund noch nicht einmal buchstabieren kann, versorgt „@dorobaer“ 18.000 Abonnenten mit Eindrücken aus ihrem Leben. Schlagzeilen machte die Bundestagsabgeordnete, als sie im März zur Digital-Staatsministerin berufen wurde – Sitz im Kanzleramt, Kontakt zur Bundeskanzlerin. Bär sieht Merkel übrigens weit weniger skeptisch als viele ihrer Parteifreunde.

Frau Bär, der neue Digitalrat der Bundesregierung tagt. Viele denken sich: Nicht noch ein Laber-Gremium! Was denken Sie?
Für diese Sorge habe ich totales Verständnis. Der Gedanke hinter diesem Digitalrat ist aber: Wir wollen ein Expertengremium für die Kanzlerin schaffen. Digitalisierung muss Chefinnensache sein. Mit dem Rat von internationalen Experten im Rücken ist es auch leichter, Widerstände auch in einer Regierung zu überwinden. Wir sind in manchen Bereichen zu langsam.

Die Kanzlerin selbst hat doch Internet als „Neuland“ bezeichnet.
Der Satz vom „Neuland“ war doch absolut treffend. Wir müssen in der Bevölkerung Überzeugungsarbeit leisten, in Firmen und auch in der Politik. Ich wollte es nicht glauben – aber selbst im Kanzleramt gibt es noch eine Rohrpost. Es ist auch im Jahr 2018 noch ein täglicher Kampf, Abläufe zu digitalisieren.

Zu den Digital-Problemen gehört eines, das vielleicht unterschätzt wird: Die ältere Generation fühlt sich abgehängt von der Technologie, überrollt. Müssten Sie sich nicht mehr um die kümmern?
Ja, müssen wir. Für mich ist das aber keine Frage des Alters im Pass, sondern des geistigen Alters. Ich habe im Bundestag 40-jährige Kollegen, die in Digitalfragen schon vergreist sind – und 80-Jährige, die jeden Tag mit ihren Enkeln in Kanada skypen und mit mir über das Zahlungssystem ApplePay diskutieren. Meine Eltern haben mir vor 30 Jahren gesagt: Nein, mit diesen CDs, das fangen wir nicht mehr an – inzwischen haben sie ihre Platten digitalisiert und streamen Musik. Wir müssen die Menschen mitnehmen, wir dürfen nicht mit zu vielen Fachbegriffen um uns werfen. Und wir brauchen Weiterbildungsangebote, digitale Volkshochschulen.

Haben wir Deutschen eine Digitalphobie?
Nein. In anderen Ländern wurde Digitalisierung aber von oben verordnet, da gab es nach einer bestimmten Frist nur noch die digitale Option. Das gäbe bei uns einen riesigen Aufschrei, weil wir größere Angst vor Transparenz und Datenklau haben. Das ist ein bisschen schizophren: Wir sind das Land der Rabattkarten, Coupons und Preisausschreiben, werfen jedem unsere Daten hinterher – sind aber bei Technologie die großen Bedenkenträger.

Immerhin: Ihr Parteivorsitzender Seehofer, dem früher noch das Internet ausgedruckt wurde, will künftig auch twittern. Gute Idee?
Ich habe erst etwas geschluckt. Grundsätzlich finde ich das ja gut – allerdings muss ein Medium auch immer zur Person passen. Ich habe mal gesagt: Twitter ist heute nur noch ein Forum für Politiker, Journalisten und Psychopathen. Das war zwar im Scherz, aber etwas Wahres ist leider dran.

Sie sind selbst mehr auf anderen Plattformen aktiv, Instagram zum Beispiel. Was bringt’s, wenn Politiker dort Fotos beim Baden oder Welpenstreicheln verbreiten?
Viel. Instagram erreicht Millionen Jugendliche. Für viele Schüler bin ich der einzige Politiker, den sie kennen. Viele senden mir Nachrichten, fragen nach, erzählen ihren Eltern: Hey, ich kenne jemanden im Kanzleramt. Ich beantworte alles, was keine Beleidigungen oder Anzüglichkeiten enthält, selbst.

Sie gelten in der CSU als Senkrechtstarterin ...
... finde ich nicht. Ich mache Politik, seit ich 14 bin. Das sind jetzt 26 Jahre.

Finden Sie es schade, dass die CSU außer Ihnen vor allem durch ältere Herren repräsentiert wird?
Mich stört auch, dass wir nur wenige Frauen in der ersten Reihe haben. Das hat verschiedene Gründe. Medien interessieren sich – das weiß ich aus meiner Zeit als Vize-Generalsekretärin – selten für Stellvertreter. Hinzu kommt das Zeitmanagement: Ich habe gemerkt, wie schwierig es ist, drei kleine Kinder großzuziehen und gleichzeitig so schnell wie die Männer Karriere zu machen.

Blicken wir auf Ihre CSU. Können Sie uns erklären, warum Sie bei 38 Prozent dümpeln? Macht’s Markus Söder falsch?
Das hat meines Erachtens wenig mit dem letzten halben Jahr zu tun, sondern mit einigen Themen und Personalgeschichten vorher. Söder hat in seine Rolle als Landesvater gefunden und – was für mich als Digitalstaatsministerin besonders wichtig ist – die Bedeutung der Digitalisierung für den Freistaat erkannt. Wir haben uns als Partei leider vorher nicht glücklich verhalten. Unsere Stammwähler sind im Vergleich zu anderen Parteien wesentlich harmoniebedürftiger. Streit wird nicht geschätzt. Die Leute sprechen mich zu Hause auf der Straße, im Supermarkt, so oft an: „Einigt’s euch!“

War das Hickhack Söder/Seehofer schädlich?
Ich fand nicht glücklich, wie das gelaufen ist.

Interview: Christian Deutschländer

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