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Donald Trump Wann ist Amerika verrückt geworden?

Für denkende Amerikaner ist nach Trumps Nordkorea-Äußerungen und der Relativierung rechtsradikaler Gewalt eine neue Stufe erreicht.

Donald Trump
Donald Trump äußert sich zu Charlottesville: Das Gefühl, einem Irren ausgeliefert zu sein, macht sich unter Intellektuellen immer stärker bemerkbar. Foto: rtr

Der New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio und der Gouverneur des States New York, Andrew Cuomo, sind sich selten einig. Seit Monaten etwa streiten sie sich darüber, wer die Sanierung der U-Bahn bezahlen soll. Doch am Samstagnachmittag am Union Square, einem Platz in Manhattan, der seit dem Bürgerkrieg für politische Proteste genutzt wird, zeigten sich die Männer in seltenem Schulterschluss.

Der Anlass war eine spontane Demonstration, organisiert von der Black-Lives-Matter-Bewegung, gegen Rassismus und Hass von Rechts. Sowohl De Blasio als auch Cuomo – dem Ambitionen auf das Weiße Haus nachgesagt werden – sahen es als notwendig, ja als ihre Pflicht, deutlich der Botschaft zu widersprechen, die an diesem schrecklichen Tag aus dem Weißen Haus kam.

„Es gibt nicht mehrere Seiten dieser Gewalt und des Hasses“, sagte Cuomo in direkter Anspielung auf Trumps Pressekonferenz. „Diese Taten und diese Rhetorik haben unser Land auf den niedrigsten Punkt seiner Geschichte gebracht“. Kurz darauf stimmte De Blasio ein: „Die weißen Suprematisten haben ihren Hass, ihre Gewalt und ihre Intoleranz auf die Straße gebracht. Aber wir lassen uns von dieser Form des Terrors nicht einschüchtern.“

Die offene Opposition zu Washington der beiden Politiker war nicht neu – gerade De Blasio hat von Anfang an klar deutlich gemacht, dass er Trumps Politik nicht mittragen wird. New York war eine der ersten Städte, die sich trotz Androhung von Mittelkürzungen geweigert hat, Trumps Abschiebepolitik mitzumachen. Doch angesichts der Ereignisse der vergangenen Woche schien sich der Ton und die Dringlichkeit der Opposition noch einmal deutlich zu verschärfen.

Für denkende Amerikaner ist seit den Höllenfeuer-Bemerkungen von Trump an die Adresse Nordkoreas und der Relativierung rechtsradikaler Gewalt eine neue Stufe erreicht. Man hatte sich seit dem Amtsantritt von Trump ein wenig in der neuen Normalität eingerichtet. Zwar herrschte Ungläubigkeit und allgemeines Kopfschütteln angesichts der täglichen Unglaublichkeiten aus Washington. Doch es herrschte auch ein gewisses Maß Erleichterung darüber, dass die Institutionen funktionieren. Irgendwie schien alles weiter zu gehen, zumindest schien keine Errichtung eines proto-faschistischen Regimes unmittelbar bevor zu stehen.

Doch seit vergangener Woche herrscht Alarmstufe Rot. So twitterte der Schriftsteller Tom Piazza am Tag nach Trumps Korea-Ausbruch: „Die Leben von Millionen von unschuldigen Menschen sind wegen dieses Stück menschlichen Mülls im Weißen Haus in Gefahr. Er muss sofort aus dem Amt entfernt werden, bevor er uns noch weiter in diesen Abgrund führt.“

Die politische Zeitschrift „The New Republic“, eigentlich ausgewogen zentristisch, forderte in dieser Woche nicht nur die Entfernung Trumps, sondern anlässlich der derzeitigen Gefahr ein komplettes Neudenken des Präsidentenamtes. Der Präsident, so das Argument, habe deutlich zu viel Macht. Seit dem Kalten Krieg haben Präsidenten sich unter Berufung auf nationale Sicherheit immer größere Befugnisse angeeignet. Alleine deshalb, sei Trump nun derart gefährlich geworden.

Dieses Gefühl, einem Irren ausgeliefert zu sein, macht sich unter Intellektuellen immer stärker bemerkbar. Das Vertrauen darauf, dass die Institutionen einigermaßen dem Trump-Wahnsinn zu widerstehen vermögen, schwindet. So schrieb der deutsch-amerikanische Harvard-Politologe Yascha Mounk in einem Leitartikel in der „New York Times“: „Wir sind auf dem besten Weg zur demokratischen Dekonsolidierung. Wir müssen aufpassen – die Verfassung verteidigt sich nicht selbst. Wir dürfen nicht auf den richtigen Augenblick warten, um Widerstand zu leisten.“

Die russisch-amerikanische Journalistin Marscha Gessen offenbart derweil in einem Essay im Intellektuellen-Magazin „Harpers“ eine finsterere Sicht. Laut Gessen sind die demokratischen Institutionen in den USA schon lange ausgehöhlt. Der amerikanische Reichstagsbrand liege schon 16 Jahre zurück. Seit 9/11 werde in Amerika systematisch die Demokratie untergraben. Trump ist für sie nur der Endpunkt dieser Entwicklung.

Was angesichts dieser trüben Aussichten zu tun ist, bleibt freilich unklar. Der politische Organisationsgrad der amerikanischen Bürger ist seit der Wahl von Trump ungebrochen hoch. Doch all die Petitionen an Abgeordnete, das Stören von Bürgerversammlungen, die Demonstrationen, die Spenden an Bürgerrechtsverbände wie die ACLU – all das hat Trump nicht zu stoppen vermocht.

Was bleibt, ist auf die Kongresswahlen im kommenden Jahr zu warten. Inzwischen muss man sich gegenseitig in seiner Fassungslosigkeit trösten. So macht das Magazin „Atlantic“ in dieser Woche mit dem Titel auf „Wann ist Amerika verrückt geworden“. Das ist die große Frage, die man sich hier im Moment stellt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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