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Donald Trump Journalisten auf der Suche nach Kindern

US-Behörden haben Tausende Kinder von ihren Eltern getrennt. Ein multinationales Medienprojekt will sie wiederfinden - und zeigen, wie unmenschlich Donald Trumps Politik ist.

USA und Mexiko
Kind an der Grenze zu den USA: Nach heftigen Protesten hob Donald Trump Ende Juni die Familientrennung per Dekret auf. Foto: afp

Ideenreiche Reaktionen auf restriktivere Maßnahmen in der Migrationspolitik tauchen nicht nur in Deutschland auf. Hierzulande sind das Initiativen wie der Spendenaufruf von Fernsehmoderator Jan Böhmermann für die Besatzung des Rettungsschiffes „Lifeline“ oder das Projekt„Seebrücke – schafft sichere Häfen“ des Vereins „Mensch Mensch Mensch“. Ähnliche Unternehmungen spielen sich auf dem amerikanischen Kontinent ab. Neun Nachrichtenunternehmen aus vier Ländern arbeiten künftig in einem journalistischen Pilotprojekt zusammen, um Kinder zu retten.

Nicht irgendwelche Kinder, nicht alle Kinder. Es geht um die Tausenden, die – mehrheitlich kommend aus Honduras, Guatemala und El Salvador – direkt nach Betreten von US-Staatsgebiet durch die Grenzbehörden von ihren Eltern getrennt wurden. Über deren Verbleib Washington angeblich alle Übersicht verloren hat.

Óscar Martínez ist Reporter des preisgekrönten Online-Portals „El Faro“ aus El Salvador. Seine Zeitung macht bei dem länderübergreifenden Projekt mit und Martínez ist zuständig für das Thema. Im Interview mit der FR gibt er zu verstehen, dass die Recherche der Projektbeteiligten dazu dient, „den Herkunftsländern der Migranten die Instrumente zur Verfügung zu stellen, um herauszufinden, wohin die Kinder gebracht wurden“. So einfach. So schwierig.

Doch der Reihe nach. Spätestens seit Mitte Juni aus einem US-amerikanischen Internierungslager für Kinder Audioaufzeichnungen verbreitet wurden, ist der Skandal weltweit publik. In den Aufnahmen sind weinende Kinder zu hören – und dann Grenzbeamte, die sich darüber lustig machen: „Wir haben hier ein Orchester.“ Die Mitschnitte veröffentlichte das US-Medium „ProPublica“, Gewinner eines Pulitzer-Preises 2017.

Zuvor, am 6. April, hatte US-Justizminister Jeff Sessions seine „Null Toleranz“-Direktive verkündet. Demnach muss sich jede Person, die illegal die Vereinigten Staaten betritt und aufgegriffen wird, einem Strafprozess stellen. Im Falle von Eltern mit Kindern bedeutet dies, dass die Erwachsenen in Bundesgefängnisse und die Minderjährigen in anderen staatlichen Einrichtungen landen. Unter Präsident Barack Obama wurden festgenommene Grenzgänger noch ohne Prozess gleich abgeschoben. Nun erwartet sie mehrmonatige Haft.

Gerichtsverfahren im Rechtsstaat USA nicht möglich

Doch weil die Zahl der Ankömmlinge täglich in die Hunderte geht, sind ordentliche Gerichtsverfahren im vorgeblichen Rechtsstaat USA scheinbar nicht mehr möglich. Ein texanischer Pflichtverteidiger für die Migranten bezeugte jüngst in einem Interview für das News-Portal VICE, dass derzeit Massengerichtsprozesse stattfinden: bis zu 75 Angeklagte morgens und 75 nachmittags werden so „abgearbeitet“. Er selbst habe im Schnitt „nur fünf Minuten“ Zeit für jeden seiner Klienten.

Nach heftigen Protesten hob Donald Trump Ende Juni die Familientrennung per Dekret auf. Zu diesem Zeitpunkt gab es bereits 2047 von ihren Eltern getrennte Kinder. Zusätzlich zu jenen 8886, die in den Monaten davor die Grenze zu den USA unbegleitet überschritten hatten. Sie sind nun in Pflegeheimen, ausrangierten Supermärkten und in anderen dafür untauglichen Gebäuden untergebracht, die von Regierungsstellen oder von Wohlfahrtsverbänden geleitet werden. Dort herrscht Chaos und den jeweils Verantwortlichen ist teilweise auch schlicht nicht bekannt, woher die Kinder kommen, wer ihre Eltern sind.

Auf Initiative von „ProPublica“ haben sich „El Faro“ aus El Salvador, „Plaza Pública“ aus Guatemala, „Animal Político“ aus Mexiko sowie die „Texas Tribune“, „The Intercept“ und weitere aus den USA – allesamt Onlinemedien – nun zur journalistischen Aufgabe gemacht, die Kinder ausfindig zu machen.

Auf einer interaktiven Online-Karte sind über weite Gebiete der USA die Installationen mit Betreibername und Adresse markiert, in die die Kinder geschafft wurden – oftmals Tausende Kilometer von der Grenze entfernt. Um die Karte zu vervollständigen, richten sich die neun Medien explizit an ihre Leser und an die in den Lagern Beschäftigten; auf Englisch, Spanisch und Portugiesisch. Diese können über ein Online-Formular bisher nicht gelistete Internierungslager identifizieren oder Hinweise zu einzelnen Kindern machen. Vor allem ersteres soll der jeweils lokalen US-Bevölkerung aufzeigen, in welch unmittelbarer räumlicher Nähe sie zu solchen Einrichtungen lebt.

Es ist fraglich, ob Trumps Politik, die Trennungen, Lager und Massenprozesse irgendwelche Flüchtlinge fernhalten. Óscar Martínez, der für seine Arbeiten über Migration ausgezeichnet wurde, meint nur: „Die Gründe um zu gehen, werden stets stärker sein.“ Vor allem, wenn die Ursachen nicht verschwinden. In El Salvador sind es die „sozioökonomischen Umstände, die starke Ungleichheit und die Gewalt“. Gibt es auch in den USA. Und es gibt die Hoffnung.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier USA

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