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Dioxin-Skandal 50 Cent für die Mast eines Broilers

Die Kosten für das Futter eines Industrie-Huhns sind äußerst niedrig. Trotzdem wird stark geforscht, um sie noch weiter zu drücken. Das hat Auswirkungen auf die Qualität von Eiern und Fleisch.

Futtern am laufenden Band: Legehennen bei der Nahrungsaufnahme. Die Fresserei halten Tierschutz-Experten für die Folge einer Störung des Sättigungszentrums im Gehirn der Vögel. Foto: dapd

Könnte das Huhn frei entscheiden“, meint Bio-Geflügelberater Friedhelm Deerberg, dann würde es scharren und dabei Sämereien und auch „viele Regenwürmer oder Kerbtiere aufpicken“. Das mag nicht nach jedermanns Geschmack sein, doch Hühner sind nun mal Allesfresser. Also gehört auch Gewürm auf den Speisenzettel. Doch solche Hühner sind immer noch in der Minderzahl. Die meisten fressen, was der Mensch ihnen vorsetzt.

Das Leben eines Masthähnchens ist kurz: Es ist gerade mal 35, vielleicht 38 Tage alt, wenn es für etwa fünf Euro im Supermarkt verkauft wird. In den 35 Tagen hat es jeden Tag bis zu 60 Gramm Futter aufgenommen. Nach einem Monat wiegt es rund zwei Kilo.

Gar so freiwillig frisst es diese Mengen aber nicht. Inke Drossé, Expertin beim Deutschen Tierschutzbund, geht in einem Beitrag für den Kritischen Agrarbericht 2010 davon aus, dass durch „Selektion auf hohe Zunahmen das Sättigungszentrum im Gehirn gestört“ sei. Die Fresserei also ist Ergebnis einer Verhaltensstörung.

Weil Industrie-Hühner ein kurzes Leben haben und sie dabei wie kein anderes Masttier das Futter effektiv verwerten (für ein Kilo Fleisch reichen 1,7 Kilo Futter), gilt das Geschäft „als vergleichsweise gewinnbringend“, weiß Drossé. Folgt man ihrer Rechnung, dann haben die 35 Tage den Landwirt nicht einmal einen Euro gekostet: 73 Cent kostet die Aufzucht eines Broilers. Den größten Brocken daran hat das Futter: 68 Prozent – oder 50 Cent. Und an dieser Schraube wird permanent gedreht.

Müll auf dem Speisezettel

Der Speisenzettel klingt erst mal unverdächtig: 50 Prozent sind Getreide, in der konventionellen Haltung vor allem Weizen und Mais. Bei Bio käme auch Hafer und Triticale infrage. Etwa zehn Prozent bestehen aus Mineralstoffen (Kalk, Viehsalz) und Spurenelementen wie Kupfer, Eisen oder Selen. Hinzu kommt ein Cocktail aus Aromen, Geschmacksverstärkern als Appetitanreger, synthetischen Farbstoffen für das dunkelgelbe Dotter oder Medikamenten etwa gegen Darmparasiten.

Der große Rest, das sind die Eiweiße. Im Bio-Stall, so Deerberg, deckt der Bauer den Protein-Bedarf meist mit heimischen Erbsen oder Lupinen sowie mit Pressrückständen aus der Pflanzenölherstellung.

In der konventionellen Haltung aber greifen die Landwirte zu Sojaextraktionsschrot aus Übersee – und damit oft zur Gentechnik. Üblich sind auch Reste aus der Öl-Herstellung, wie sie aber nicht nur bei der Pressung übrigblieben: Sie können auch mit Hilfe von Lösungsmitteln herausgelöst worden sein.

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Öle und Fette dienen als Klebstoff und machen aus dem beim Mahlen entstehenden Feinstaub und den vielen Krümeln ein aufnahmebereites Futter-Pellet. An dieser Stelle geraten dann Dioxine ins Spiel, wenn die Herkunft der Fette, wie offenbar im aktuellen Fall, technischer Natur war.

Dioxine können auch ins Futter geraten, wenn – was inzwischen tabu ist – altertümliche Trocknungsverfahren eingesetzt wurden und die Gifte direkt aus den Verbrennungsabgasen ins Futter geraten. Oder die Fette stammen aus aufbereiteten Frittierölen wie sie in riesigen Mengen etwa bei der Pommes- oder Fischstäbchenherstellung anfallen.

Tiermehle aus der Schlachtung sind vorerst weiter tabu. Dabei haben die Erzeuger aus Kostengründen ein großes Interesse an der Wiederzulassung, wenigstens für Huhn und Schwein. Denn das Recycling der Abfälle könnte helfen, teure Soja-Importe zu begrenzen.

Zweifelhafter Cocktail

Um den Hauptkostenfaktor zu senken, haben Generationen von Tier-, aber auch Abfallexperten alle möglichen Verfahren ausprobiert – um die Fütterung billig zu machen und um Entsorgungskosten zu sparen. So ahnt Eckehard Niemann von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), dass eine „extrem kostenminimierende Futter-Industrie“ oft einen zweifelhaften Cocktail in den Trog mischt. Die EU-Futtermittelverordnung mache es möglich, sagt Niemann. Sie schreibe nur vor, was „nicht“ ins Futter gehöre. Dazu zählen „Fäkalien, gegerbte Häute, pestizidbelastetes Saatgut, holzschutzmittelbelastete Stoffe, Materialien aus Abwässern und fester Siedlungsmüll“. Alles andere wäre also erlaubt.

Bei der Kostenminimierung waren der Fantasie keine Grenzen gesetzt. In der DDR wurde Schweine- und Hühnermist an Rinder verfüttert, aber auch im Westen war man in den 60er Jahren erfindungsreich: Dort untersuchten Experten, wie die bei der Lederherstellung anfallenden Reste, das Leimleder (ein Mix aus Fett- und Bindegewebe sowie Chemikalien), verfüttert werden können. Ihr Fazit: Sie seien „normalen“ Tiermehlen ebenbürtig.

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