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Die Linke Sahra Wagenknecht irritiert

Die stellvertretende Parteichefin Sahra Wagenknecht fordert, zuerst an Jugendliche in Deutschland bei der Jobvergabe zu denken. Damit irritiert sie ihre eigene Partei.

Viele in der Partei wundern sich über Sahra Wagenknecht. Foto: dpa

Matthias Höhn wartete am Montag nicht auf die Fragen der sehr spärlich erschienenen Journalisten. Der Bundesgeschäftsführer der Linken ging bei der wöchentlichen Pressekonferenz von sich aus in die Offensive. Wenn Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) darauf hinweise, dass arbeitslose Jugendliche in Deutschland eine Ausbildung machen könnten, dann sei das eine Selbstverständlichkeit, sagte Höhn. Schließlich gebe es in der Europäischen Union offene Grenzen. Richtig sei allerdings auch, dass eine Million Menschen in Deutschland unter 35 Jahren ohne Job seien. Sie bräuchten ebenfalls Hilfe.

Der Parteimanager versuchte, die soeben entflammte Auseinandersetzung um die stellvertretende Parteichefin Sahra Wagenknecht zu entschärfen. Die 43-Jährige hatte der Tageszeitung Die Welt gesagt, bevor „Talente aus anderen Ländern“ abgeworben würden, müsse eine Ausbildungsoffensive in Deutschland starten.

Wagenknecht hatte hinzugefügt, Röslers Einladung sei „eine Ohrfeige für Hunderttausende junge Menschen, die in Deutschland leben und von denen viele nie eine Chance bekommen haben“. Die Hälfte der knapp eine Million Arbeitssuchenden unter 35 habe keine abgeschlossene Berufsausbildung.

Diese Äußerungen sorgten in der Linken für Kritik des Reformflügels. Ohnehin ist das Flügelschlagen in der Partei keineswegs beendet.

Verständnis für die Alternative für Deutschland

Deutlich sichtbar war dies an der Debatte über die Zukunft des Euro. Wagenknecht und der ehemalige Parteivorsitzende Oskar Lafontaine hatten mehrmals erklärt, die Gemeinschaftswährung sei angesichts der Austeritätspolitik von Kanzlerin Angela Merkel nicht zu halten, und für Auswege aus dem Euro plädiert.

Zudem hatte Wagenknecht teils verständnisvolle Worte für die Alternative für Deutschland gefunden. Die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger erstickten die Debatte beim Dresdener Parteitag gemeinsam mit dem Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi. Als es um die Euro-Passage im Wahlprogramm ging, waren Wagenknecht und Lafontaine gar nicht mehr im Saal.

Aktuell ist die Gefechtslage ähnlich. Fraktionsvize Dietmar Bartsch wies den neuen Wagenknecht-Vorstoß mit den Worten zurück: „Wir werden nicht arbeitslose Jugendliche in Griechenland, Spanien und Deutschland gegeneinander ausspielen. Die Merkel’sche Politik hat die chaotischen Verhältnisse in den südeuropäischen Ländern hervorgebracht. Es gibt daher auch eine deutsche Verantwortung.“ Der linke Außenpolitiker Stefan Liebich ergänzte, er verstehe jeden Südeuropäer, der wegen der deutschen Kürzungspolitik daheim keine Perspektive sehe. „Deswegen kämpfen wir dagegen, freuen uns aber auch über jeden, der hier leben und arbeiten will.“ Inoffiziell hieß es zu Wagenknecht: „Das geht gar nicht, erst recht nicht für eine linke Partei.“

Erinnerungen an Lafontaine 2005

Viele innerhalb wie außerhalb der Linken fühlen sich an Lafontaines Worte von 2005 erinnert. Seinerzeit sagte er in Chemnitz: „Der Staat ist verpflichtet, seine Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Er ist verpflichtet zu verhindern, dass Familienväter und Frauen arbeitslos werden, weil Fremdarbeiter zu niedrigen Löhnen ihnen die Arbeitsplätze wegnehmen.“ Später ruderte Lafontaine zurück. Auch 2005 stand übrigens eine Wahl bevor.

Mehr als ein Scharmützel ereignete sich soeben im Saarland. Dort hatte es Anfang Mai Unregelmäßigkeiten bei der Wahl der Landesliste für den Bundestag gegeben. Vor der Wiederholung der Wahl am Sonntag stellte sich Wagenknecht auf der Homepage der Landespartei auf die Seite der letztlich unterlegenen Yvonne Ploetz und gegen den mit 53 Prozent siegreichen Thomas Lutze, der dem Reformlager zugerechnet wird. Die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet nun, Bundesgeschäftsführer Höhn habe sich danach beim linken Landeschef Rolf Linsler über die „Parteinahme“ beschwert.

Matthias Höhn wollte das am Montag auf Nachfrage nicht kommentieren, aber auch nicht dementieren. Wem er welche Briefe schreibe, das sei seine Sache, sagte er.

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