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Deutsche Einheit „Für vieles gab es im Osten bessere Lösungen“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey spricht im Interview mit der FR über den Stand der deutschen Einheit.

Franziska Giffey
Das ABC des Zusammenwachsens? „Gleichwertige Lebensverhältnisse“, sagt Franziska Giffey. Foto: dpa

Frau Giffey, in Umfragen geben die meisten Ostdeutschen an, ihnen ginge es gut. Gleichzeitig zweifeln sie daran, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Ich höre das überall in Deutschland. Auch im Westen. Ich glaube, in Ostdeutschland hat das bei den Älteren viel mit Erfahrungen zu tun. Das Ersparte wurde halbiert, Abschlüsse waren plötzlich nichts mehr wert. Sie haben erlebt, dass vieles von dem, was sie gelernt hatten oder für richtig hielten, auf einen Schlag nichts mehr zählte. Die einen haben sich damit arrangiert und letztlich das Beste daraus gemacht. Andere fühlten sich aber abgewertet und eher in der Position des Verlierers. Daraus können Verlustängste entstehen.
 
Die Freiheit zählt nicht so viel?
Für mich ist der Mauerfall doch der Glücksfall des letzten Jahrhunderts. Ich bin mir sicher, dass die meisten Deutschen dies auch so sehen. Die Erfahrung von Verlust lässt Menschen aber offenbar viel feinfühliger auf Veränderungen von außen reagieren. Damit meine ich nicht in erster Linie die Ankunft von Geflüchteten, es geht um mehr. Um den demografischen Wandel, die Abwanderung der jungen Generation, den Wechsel von der D-Mark zum Euro, den globalen Wettbewerb oder die Veränderungen durch die Digitalisierung.
 

Und dies wird als Bedrohung wahrgenommen?
Ja, bei einigen schon. Und dieses Gefühl schürt Unsicherheit und letztlich Unzufriedenheit. Viele Menschen suchen eigentlich nach Sicherheit, Anerkennung und Wertschätzung. Dabei hätten die Menschen gerade in Ostdeutschland allen Grund selbstbewusst zu sein. Es ist so viel geschafft worden. Das kann ja jeder in den ostdeutschen Städten und Dörfern sehen. Und das ist nichts, was einfach so über uns kam, sondern Ergebnis von harter Arbeit. Das wird leider viel zu wenig gesehen. 
 
Die sächsische Integrationsbeauftragte Petra Köpping sagt, viele Ostdeutsche, denen sie begegnet, meinen, sie müssten erstmal integriert werden, ehe sich das Land um andere kümmert. Wie finden Sie das?
Ich glaube nicht, dass wir Ostdeutsche irgendwohin integrieren müssen. So passiv hätte es auch nie funktioniert, in Ostdeutschland so große Fortschritte zu machen. Die Menschen im Osten haben in den letzten drei Jahrzehnten so viel geleistet, so viel aufgebaut und sie wollen genau wie die Menschen in Niedersachsen, Baden-Württemberg oder im Saarland an der Zukunft des Landes und an ihrer eigenen Zukunft mit bauen. Darum geht es.
 
War die Einheit von Anfang an eine gleichberechtigte Partnerschaft?
Nein, da sind Fehler gemacht worden. Aber in solchen historischen Umbrüchen kann das kaum anders sein. Ziel war ja, dass es den Ostdeutschen schnell materiell vergleichbar gut geht wie den Westdeutschen. Um das zu erreichen wurde viel aus dem Westen übernommen – selbst dann, wenn es im Osten eigentlich bessere Lösungen gab.
 
Woran denken Sie da ganz konkret?
Wir diskutieren heute über Kitaplätze, gute Hortangebote, Mittagessen in der Schule, Ganztagsbetreuung und medizinische Versorgungszentren. Es wird darüber nachgedacht, Impfungen in der Schule durchzuführen und ob nicht auch der Zahnarzt einmal im Jahr dorthin kommt. All das gab es schon einmal. In der DDR. Da ist vieles vorschnell aufgegeben worden und muss nun mit viel Geld aufgebaut werden. Bis heute wird häufig nicht gewürdigt, was Menschen im Osten da einbringen können, auch an Erfahrung und Expertise.

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