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Deserteure im Zweiten Weltkrieg „Hätten doch nur mehr diesen Krieg verraten“

Wie der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann erst dem Alkohol verfiel und dann die Würde seiner Kameraden rettete.

September 1939: Hitler grüßt die Truppen in Warschau. Foto: Imago

Der Soldat kann sterben, der Deserteur muss sterben.“ Wäre es nach Adolf Hitlers Vorgaben gegangen, dann wäre Ludwig Baumann nicht älter als 20 geworden. Denn der junge Maurer hatte 1942 versucht, sich Hitlers Angriffskrieg zu entziehen, und wurde deshalb von NS-Militärrichtern zum Tode verurteilt – wie 30 000 andere Fahnenflüchtige, „Wehrkraftzersetzer“ oder „Kriegsverräter“ auch. Zwar wurde die Todesstrafe in zwölf Jahre Zuchthaus umgewandelt, aber er selbst erfuhr acht Monate lang nichts davon, sondern musste weiter in der Todeszelle schmoren. Inzwischen ist Baumann 92 und immer noch so fit, dass er mit dem Journalisten Norbert Joa seine Lebensgeschichte („Niemals gegen das Gewissen“) zu Papier bringen konnte. Und die ist so bewegt wie bewegend.

Die Nazis ließen Baumann zwar am Leben, aber er musste ins KZ Esterwegen, später ins berüchtigte Wehrmachtsgefängnis Torgau und schließlich als Kanonenfutter in ein Strafbataillon im Osten.

Krieg und Verfolgung machten aus ihm einen gebrochenen Mann. Er vertrank das Erbe seines Vaters, eines wohlhabenden Hamburger Tabakgroßhändlers, und zog nach Bremen, wo er sechs Kinder in die Welt setzte. Statt sich um sie zu kümmern, ging er lieber in die Kneipe. Erst als seine Frau 1966 starb, begann er allmählich, von der Flasche loszukommen und Verantwortung zu übernehmen – zunächst für seine Familie, später auch für die Gesellschaft: Er engagierte sich in der Friedens- und der Eine-Welt-Bewegung.

Dass er selber Deserteur war, behielt er jahrzehntelang für sich. Denn auch nach dem Krieg wurden Deserteure beschimpft und verachtet. Irgendwann glaubte er fast selber, ein „feiges Kameradenschwein“ zu sein.

Bis 1986. Da wurde in Bremen ein Deserteurdenkmal aufgestellt – der letzte Anstoß für Baumann, sich mit seiner eigenen Geschichte zu befassen. Aus dem Bundesarchiv besorgte er sich sein Todesurteil von 1942. Der damalige Richter wurde später wegen eines anderen, tatsächlich vollstreckten Todesverdikts angeklagt, aber freigesprochen. Typisch Nachkriegsjustiz.

Baumann und die anderen Überlebenden trugen dagegen noch jahrzehntelang den Makel, vorbestraft zu sein. Das wurmte ihn dermaßen, dass er 1990 drei Dutzend Leidensgenossen zusammentrommelte. Sie gründeten die „Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz“ und wählten den damals 69-Jährigen zum Vorsitzenden. Von nun an schrieb Baumann Geschichte. Hartnäckig, aber zugleich liebenswürdig suchte er Verbündete für sein neues Lebensziel: die Rehabilitierung der 30.000 Verurteilten. Und machte sich damit zur Hassfigur vieler Veteranen. Baumann erhielt Dutzende von Schmähbriefen. Die Polizei bot ihm sogar Personenschutz an; aber das fand er dann doch übertrieben.

Dass er kein politisch bewusster Widerstandskämpfer war und auch kein Held, räumt er selber ein. Nein, glorifizieren wolle er seine Fahnenflucht nicht. „Feige war ich aber auch nicht. Die Wahrheit ist: Ich wollte nicht töten. Und ich wollte leben.“ Heute glaubt er: „Hätten doch nur mehr diesen Krieg verraten, dann hätten Millionen nicht mehr zu sterben brauchen.“ Allen Anfeindungen zum Trotz: Baumann hatte Erfolg. Schritt für Schritt stufte der Bundestag zwischen 1998 und 2009 die Militärjustizurteile gegen Deserteure, „Wehrkraftzersetzer“ und schließlich auch „Kriegsverräter“ als Unrecht ein. „Kriegsverräter“, das waren zum Beispiel Leute, die Kriegsgefangenen Brot zusteckten.

Dass solche todeswürdigen Handlungen endlich keine Verbrechen mehr waren, bedeutete für Baumann eine „innere Befreiung“. Sechseinhalb Jahrzehnte nach Kriegsende hatte das Ringen um seine Würde ein Ende. „Ich denke, ich habe sie mir wiedergeholt.“

Mit seinen 92 Jahren könnte der schmächtige Rentner nun langsam seinen Ruhestand genießen. „Aber für eine Sache zu kämpfen, ist für mich auch Lebenselixier“, erzählt er. Also tritt er noch ein bis zwei Mal im Monat als Zeitzeuge in Schulklassen auf. Seine Botschaft: Es lohnt sich, „Nein“ zu sagen. „Haltung haben und zeigen, nicht alles hinnehmen und auch lästig sein: Das ist für mich erste Bürgerpflicht.“

Sogar die Bundeswehr hat ihn als einen der letzten noch lebenden Wehrmachtsdeserteure zu Diskussionen eingeladen. Dabei kann dem Militär eigentlich gar nicht gefallen, was der überzeugte Pazifist zu sagen hat: „Man kann doch nichts Besseres tun, als auch in Zukunft jeden Krieg zu verraten.“

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