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DDR-Eliten "Auch die Kinder tragen das Brandmal Stasi"

Die Autorin Ruth Hoffmann beschäftigt sich in ihrem Buch „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“ mit dem Schicksal der Söhne und Töchter von hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit.

Ruth Hoffmann, geboren 1973 in Hamburg, hat Ethnologie, Politik und Geschichte studiert und arbeitet als Journalistin und Buchautorin. Foto: dpa

Die Autorin Ruth Hoffmann beschäftigt sich in ihrem Buch „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“ mit dem Schicksal der Söhne und Töchter von hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit.

Die Journalistin Ruth Hoffmann beschreibt in ihrem Buch „Stasi-Kinder“, wie hauptamtliche Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit ihren Nachwuchs mit fast allen Mitteln dazu bringen wollten, so linientreu zu werden wie sie selbst.

Frau Hoffmann, Deutschland ist seit 22 Jahren wiedervereinigt. Sind die Kinder der DDR-Eliten in der neuen Zeit angekommen? Oder ringen sie noch mit der alten?

Ich glaube, dass diese „Kinder“ es schwer haben, mit der Vergangenheit abzuschließen. Ihre Eltern waren schließlich Repräsentanten eines Systems, das heute, gelinde gesagt, kritisch gesehen wird. Wenn sie der Ansicht sind, dass die DDR ein Unrechtsstaat war, hadern sie zwangsläufig auch mit der Rolle, die Vater und Mutter darin spielten. Und wenn sie, was sicher auch nicht selten ist, die DDR insgesamt positiv beurteilen und immer noch loyal zu ihren Eltern stehen, kommen sie in Konflikt mit der Gesellschaft, die das ganz anders sieht. Für die Kinder hauptamtlicher MfS-Mitarbeiter ist der Konflikt besonders krass und eigentlich kaum aufzulösen. Es ist kein Zufall, dass sie bisher geschwiegen haben. Die Scham ist sehr groß.

Hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter sind Täter. Würden Sie deren Kinder zu den Opfern zählen?

Ja, unbedingt. Ihre Eltern haben sich bewusst dafür entschieden, für einen Unterdrückungsapparat zu arbeiten. So tragen auch die Kinder das Brandmal Stasi, ob sie wollen oder nicht. Das macht es ihnen heute schwer, stigmatisierte sie aber auch schon zu DDR-Zeiten, wenn sie etwa mit Leuten zu tun hatten, die dem Regime eher kritisch gegenüber standen. Zudem hingen sie auf Gedeih und Verderb mit drin in der Verpflichtung ihrer Väter. Die unterlagen nämlich einem umfangreichen Regelkatalog, der weit in ihr Privatleben reichte und darum automatisch auch ihre Familie betraf.

Wie sah der genau aus?

Für einen MfS-Offizier konnte es schon unangenehme Folgen haben, wenn sein Sohn Punkmusik hörte oder für den falschen Fußballverein schwärmte, ganz zu schweigen von einem Ausreiseantrag oder einer Wehrdienstverweigerung, die ihn den Job kosten konnte. Der Konformitätsdruck war gewaltig. Auffallend viele Väter setzten die geforderte Linie bei ihrem Nachwuchs mit Gewalt durch. Und wenn alles nicht half, opferten etliche lieber ihre Kinder als ihre Karriere und sagten sich hochoffiziell von ihnen los. Dass all das in den Seelen der betroffenen Kinder zum Teil schwerste Verwüstungen angerichtet hat, ist kein Wunder.

Der nicht aufgearbeitete Nationalsozialismus entlud sich im Westen auch in der 68er-Bewegung. Rechnen Sie mit so etwas auch in Ostdeutschland?

Ich glaube nicht, dass es so spektakulär wird, zumal es 1968 um viel mehr ging als nur um das Aufbegehren gegen die Generation der Eltern und Großeltern. Die Parallele drängt sich trotzdem auf: Seit 1989 sind 23?Jahre vergangen, genau wie zwischen 1945 und 1968. Vielleicht ist das die Zeitspanne, die es nach dem Ende einer Diktatur braucht, damit die Kinder es wagen, sich kritisch mit dem auseinanderzusetzen, was ihre Eltern getan haben.

Die Kinder der Stasi-Täter jedenfalls fangen nun an zu reden, und für viele scheint das ein großer und mutiger Schritt zu sein – raus aus dem Schatten ihrer Eltern, raus aus der Sippenhaft. Viele „Stasi-Kinder“ schreiben mir, das Buch habe ihnen Mut gemacht, weil sie gesehen haben, dass sie mit ihren Fragen und ihrer Scham nicht allein dastehen. Ihre 68er-Revolte könnte darin bestehen, dass sie sich vernetzen und öffentlich zu Wort melden. Ich hoffe sehr, dass das ein unüberhörbarer Paukenschlag wird – für die einstigen Hauptamtlichen und die Gesellschaft.

Das Gespräch führte Markus Decker.

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