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DDR „Da zeigt sich eine unglaubliche Wut“

Der Historiker Kowalczuk über Rechtspopulismus bei der DDR-Aufarbeitung und den Umgang mit ehemals Verfolgten.

Mauerbau
August 1961: Arbeiter ziehen an der Bernauer Straße in Berlin die Mauer hoch. Foto: dpa

Herr Kowalczuk, der Mauerbau jährt sich zum 57.-mal. Die Mauer ist länger weg, als sie stand.
Mauern sollen Eindringlinge abhalten. Die Berliner Mauer nicht: Sie sollte Flucht verhindern. 1989/90 dachte ich, die Zeit der Mauern geht nun zu Ende, sie fallen alle irgendwann. Was für ein Irrtum. Fassungslos allerdings bin ich, weil gerade jene, die am meisten vom Fall der Mauer in Europa profitierten – Ostdeutsche, Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken – am lautesten nach neuen Mauern rufen.

Um diesen Mauer-Gedenktag herum gibt es in den einschlägigen Zirkeln eine Debatte über rechtspopulistische Tendenzen in den Initiativen der DDR-Aufarbeitung. Wie gravierend ist das?
Es ist sehr gravierend, weil es in Ostdeutschland eine die Demokratie bedrohende Erscheinung ist. Die Ursachen dafür liegen in der Zeit des Kommunismus und in den 1990er Jahren begründet. Viele haben nach dem großen Aufbruch und den oft unrealistischen Erwartungen 1989/90 schmerzliche Erfahrungen sammeln müssen: Arbeitslosigkeit, sinnlose Umschulungen, Abwanderungen, Entindustrialisierung. Das Sagen hatten nun „Zugereiste“. Die soeben noch als Selbstermächtigung empfundene Revolution schlug in Depression um: Schon wieder schienen „Fremde“ über das eigene Wohl und Wehe zu entscheiden. Viele Sachsen, Thüringer oder Mecklenburger empfanden das ähnlich wie Polen, Ungarn, Tschechen oder Slowaken. Die Selbstbefreiung war, so die Wahrnehmung, okkupiert worden.

Und was folgt Ihrer Meinung nach daraus?
Die Wut über angebliche oder tatsächliche Ausgrenzung, Diskriminierung, über fehlende Empathie bis hin zu dem Umstand, dass fremde Eliten, Journalisten, Politiker über die Köpfe hinweg agierten, so die Wahrnehmung, sucht nach Entladung. In der Geschichte war es leider oft so, dass sich diese Wut an anderen abarbeitet: So ist im 19. Jahrhundert der radikale Antisemitismus entstanden, so stiegen nach dem Ersten Weltkrieg Kommunismus und Nationalsozialismus auf und so bündelten sich seit den 1990er Jahren Rassismus, Antisemitismus, „Ausländerfeindlichkeit“ von den Rändern der Gesellschaft kommend immer mehr in der Mitte. Wir haben Antisemitismus, Rassismus, Rechtsradikalismus in beachtlichen Teilen der Gesellschaft zu verzeichnen. Deren verlängerter politischer Arm sitzt in Parlamenten. Und das alles spielt sich natürlich auch in Vereinen zur DDR-Aufarbeitung ab. Sie sind Abbilder der Gesellschaft.

Man hat den Eindruck, es sei fast wie zu DDR-Zeiten: Alle wissen Bescheid. Aber geredet wird nur hinter vorgehaltener Hand.


Dafür gibt es zwei Gründe: Alle kennen sich in der Aufarbeitungsszene, zum Teil sehr gut. Sie sind seit Jahren und Jahrzehnten miteinander vertraut. Es gibt eine gewachsene Loyalität. Viele der Engagierten weisen respekterheischende Biografien vor. Man befürchtet, mit der Kritik an jetzigen Haltungen die dazu gehörigen Biografien zu beschädigen. Hinzu kommt, dass man als Kritiker von Aufarbeitungsinstitutionen schnell in den Verdacht gerät, die DDR zu verharmlosen.

Schon zu DDR-Zeiten sind laut Stasiakten bis zu 20 Prozent der Delikte sogenannter staatsfeindlicher Hetze auf das Konto von Rechtsextremisten gegangen. Ist das eine Erklärung für das, was heute passiert?
Nur bedingt. Es gibt eine Parallele: Damals wie heute schauen die meisten weg, klatschen heimlich Beifall. Ansonsten muss man in Rechnung stellen, dass die DDR seit fast 30 Jahren Geschichte ist. Man sollte nicht immer alles Unangenehme in der Gegenwart mit der DDR erklären wollen. Das wird langsam albern. Und das erklärt weder die Wahlerfolge der AfD in Bayern oder Schleswig-Holstein noch die positive Resonanz auf Wagenknecht dort. Eine andere Erklärung ist der Antikommunismus, der sozusagen im entgegengesetzten Extrem landet – und wie im Falle Siegmar Faust auch durch die Ablehnung von einstigen Dissidenten durch viele Westlinke genährt wird. Antikommunismus ist wie Antifaschismus eine Einstellung, die allen Demokraten immanent sein sollte. Sie meinen, glaube ich, etwas anderes, wenn Sie Radikalisierungsmomente ansprechen: Woher kommen diese, die ja nicht vorgetäuscht sind?

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