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DDR-Bürgerrechtler Von Verbitterungsenergien und Betriebsunfällen

Unter einstigen DDR-Bürgerrechtlern und Oppositionellen rumort es – woher rühren die Konflikte?

Zeitgeschichtliches Forum Leipzig
Auf den Spuren des deutschen Stalinismus: Eine demolierte Büste im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Foto: epd

Wenn man Lutz Rathenow fragt, was denn eigentlich mit den einstigen DDR-Bürgerrechtlern los sei, dann antwortet er zunächst mit einem ganz schlichten Satz: „Das sind so eingefrorene Konflikte.“ Man könnte nun meinen, dass die Sache damit erledigt sei. Doch was Sachsens Landesbeauftragter zur Aufarbeitung der SED-Diktatur tatsächlich meint, ist, dass die Konflikte nicht mehr eingefroren, sondern in Wahrheit aufgetaut seien. Darum folgt dem kurzen Satz im Berliner Café Einstein Unter den Linden ein fast zweistündiges Gespräch. So viel Zeit braucht es, um auseinanderzuklamüsern, was mit den Ex-Dissidenten wirklich los ist.

Im Juni hatte es ja einiges Aufsehen und Entsetzen gegeben, als der frühere DDR-Häftling Siegmar Faust in einer Vernehmungszelle der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen Werbung für die AfD machte und um Milde für Holocaust-Leugner Horst Mahler warb. Im September wurde ruchbar, dass ein halbes Dutzend ehemaliger Mitarbeiterinnen am selben Ort jahrelange sexuelle Belästigung beklagten. Infolge beider Affären rollten Köpfe. Manche mussten ihren Hut nehmen, allen voran Direktor Hubertus Knabe. Andere wollten ihren Hut nehmen.

Lutz Rathenow soll die Aufarbeitungsszene einen

Der Stasi-Unterlagenbeauftragte Roland Jahn etwa verließ mit anderen den Förderverein von Hohenschönhausen wegen des dort sich verstärkenden Rechtsdralls. Bloß eine ging nicht, sondern kam: Jahns Vorgängerin Marianne Birthler. Sie soll in Hohenschönhausen beraten und beruhigen. Lutz Rathenow nun, ein zu DDR-Zeiten mutiger und mehrmals verhafteter Schriftsteller, versucht als Berliner in Dresden die Aufarbeitungskreise zu koordinieren.

Zunächst sind da die politischen Häftlinge. Ihre Zahl war mit etwa 300.000 enorm. Und von ihnen weiß man, dass sie nicht selten traumatisiert sind, ihre Entschädigungsansprüche mühsam durchkämpfen müssen und meist wenig Rente haben. Rathenow spricht von 350 bis 800 Euro monatlich und dass nicht zuletzt daraus erhebliche „Verbitterungsenergien“ resultierten.

Andererseits sagt er: „Wer Ende der Achtziger in Leipzig ein kurzes, aber fantasievoll mutiges Revolutionärs-Dasein bis zur Staatsbeseitigung ausleben konnte, hatte ein Erfolgserlebnis, das bis heute trägt.“

Zuweilen existieren Konkurrenzgefühle. Wer vor 1989 in Ostdeutschland im Knast saß, sieht sich mitunter in einem potenziellen Wettbewerb mit Opfern des Nationalsozialismus sowie mit Opfern von Krieg und politischer Gewalt, die als Asylsuchende heute bei uns stranden. Das mache sie anfälliger für die AfD und andere rechte Gruppen, heißt es. Missachtung durch linke Kreise im Westen tat ein Übriges.

Bei den Bürgerrechtlern, die nie homogen waren und sich schon in den 90er Jahren heftig wegen des Verhältnisses zur PDS stritten, verhalten sich die Dinge anders. Als erste sind da jene auszumachen, die im wiedervereinigten Land relativ schnell Fuß fassten. Birthler ist eine von ihnen. Die Grüne wurde Bildungsministerin in Brandenburg und Stasi-Unterlagenbeauftragte und hätte statt Frank-Walter Steinmeier sogar Bundespräsidentin werden können.

Hildigund Neubert von der CDU ging es in Thüringen ähnlich. Sie wurde Landesbeauftragte in Erfurt – so wie Rathenow in Dresden – und Staatssekretärin. Beide Frauen haben ihren Frieden mit der neuen Zeit gemacht und sie gestaltet.

Zu einer zweiten Gruppe zählen Zeitgenossen, die wie Faust agieren und deren Antikommunismus, wie Rathenow formuliert, „Elemente des Kommunismus konserviert“. Faust saß zu DDR-Zeiten in Cottbus wochenlang in Einzelhaft und findet aus dem zwanghaften Dagegen-Sein nicht heraus. Auch Vera Lengsfeld, deren Namen Rathenow nicht erwähnt, gehört zu dieser Gruppe. Sie war am Anfang ihres Lebens in der SED, später in der DDR-Opposition. Nach der Wende ging sie zu den Grünen, um anschließend zur CDU zu wechseln. Heute agitiert die 66-Jährige aggressiv wie wenige andere gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. Ein prominenter Ex-Dissident zählt sie am Telefon zu den „Betriebsunfällen der Bürgerrechtsbewegung“.

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