Lade Inhalte...

CSU-Machtwechsel Markus Söder, der Ichling

Erst hart ausgeteilt, dann um andere gekümmert - CSU-Politiker Markus Söder hat an seinem Image gearbeitet und gibt sich neuerdings harmoniebedürftig. Anfang 2018 soll er Dauerrivale Horst Seehofer als Ministerpräsident ablösen.

Markus Söder
Lange war er der Mann fürs Grobe: Markus Söder. Und jetzt? Foto: dpa

Am Tag eins seiner Ministerpräsidentenwerdung ist Markus Söder ganz sanft. „Ein neues Kapitel“ sei nun aufgeschlagen in Bayern, sagt er. Und dann folgt ein minutenlanger bedächtiger Wortschwall, in dem es um Werte und Respekt geht, um Anstand und Würde, um Teamleistung, um Einsatz und Fleiß. Und wieder und wieder um Gemeinsamkeit. Es ist, als sei Söder auf dem Weg vom Saal der Landtagsfraktion in den Pressekonferenzraum in einen Harmoniebottich gefallen.

Die Fraktion hat ihn gerade einstimmig als künftigen Ministerpräsidenten ausgerufen. Amtsinhaber Horst Seehofer hatte das so vorgeschlagen. Wochen-, monate- und jahrelang haben sich die zwei duelliert. Seit der Bundestagswahl hat der Kampf Dimensionen angenommen, die altgediente CSUler in ihrer an Auseinandersetzungen nicht armen Partei keinen Vergleich mehr fanden. Fast täglich forderte jemand Seehofers Rückzug: Erst Hinterbänkler aus dem Landtag, dann ein Staassekretär, dann ganze Bezirksverbände. Sie waren dem Söder-Lager zuzurechnen, aber weil die anderen sich ruhig verhielten, konnten sie die Stimmung setzen.

CSU-Umfragewerte weiter gesunken

Seehofer, der in Berlin über die Jamaika-Koalition verhandelte, beschwerte sich über Illoyalitäten aus München. „Aus Sicht unserer Mitglieder ist der Himmel schon eingestürzt“, so hat er es am Tag seiner Rückzugsankündigung nochmal betont. Die Umfragewerte der CSU, die bei der Bundestagswahl schon keine 40 Prozent mehr erreicht hatte, sind weiter gesunken.

Nun übernimmt Söder. „Ich bin froh, dass wir die Entscheidung haben“, sagt er. Kein Triumph in der Stimme, er muss jetzt vorsichtig sein. „Ich freu mich“, sagt er dafür gleich zweimal.

Über Jahre hat er auf dieses Ziel hingearbeitet, hat das Jura-Studium nach dem ersten Staatsexamen beendet, danach folgte die Karriere in der Politik. Er war Chef der bayerischen Jungen Union. Ministerpräsident Edmund Stoiber machte ihn zum Generalsekretär, er ist Söders Förderer geblieben. Der Mit-Nürnberger Günther Beckstein holte seinen Landsmann als Europaminister ins Kabinett, Seehofer übergab ihm das Umweltministerium und kaum hatte Söder dort seine Skepsis gegen grüne Gentechnik entdeckt, war einer seiner Hauptkonkurrenten weg. Georg Fahrenschon wechselte politikverdrossen aus dem Finanzministerium zum Sparkassenverband.

Söder war zwar nicht Vize-Regierungschef, aber er hatte in einer guten wirtschaftlichen Lage das Ministerium zum Geldverteilen und obendrein noch ein neu erfundenes Heimatministerium. Eine ideale Kombi zur Unterstützer- und Imagepflege: Söder konnte Finanzsspritzen für diese und jene Straße verkünden und außerdem schöne Selfies verbreiten: Minister vor Burgen und Seen, in Kirchen, mit Nikoläusen und bayerischen Schlagersängern.

Lange war er vor allem der Mann fürs Grobe. Der, der es gerne mal ein bisschen übertreibt um der guten Schlagzeile willen. Auch so eine Entwicklung der letzten Jahre: Seine Ehefrau war häufiger auf Fotos zu sehen, Landesvater und –mutter in Wartestellung.

Und um seine Absichten ein bisschen klarer zu machen, stellte er irgendwann ein Jugendfoto auf seine Facebook-Seite: Söder in Jackett und Krawatte vor einem Poster der CSU-Ikone Franz Josef Strauß, angeblich in seinem Kinderzimmer. „Das war das Poster über meinem Bett in der Jugendzeit. Was hing bei euch?“, schrieb er dazu.

Der Anspruch war also klar. In der CSU hieß es, er beiße alle potenziellen Konkurrenten weg. Es wird viel gelästert in der CSU. An Söder aber blieb das Wort vom Oberintriganten hängen. Seehofer bezeichnete ihn vor einigen Jahren öffentlich als „Ichling“ , als machtbesessenen Egoisten also und warf ihm „Schmutzeleien“ vor.

Er holte Ilse Aigner aus Berlin nach München als potenzielle Söder-Konkurrentin. Er versuchte, Söder die Spitzenkandidatur für den Bundestagswahlkampf anzutragen, um ihn damit aus dem Münchner Rennen zu nehmen. Schließlich verschob Seehofer im Frühjahr diesen Jahres seinen angekündigten Rückzug aus den Ämtern – es gab zu wenig Alternativen zu Söder.

Nach dem Absturz der CSU bei der Wahl spitzte sich der Machtkampf zu. Zuletzt hat die Landtagsfraktion Seehofer unter Druck gesetzt, indem sie für den gestrigen Montag eine Abstimmung über die Spitzenkandidatur ankündigte. Und wenn Seehofer wieder nicht entscheiden würde – eine eindeutige Handbewegung fand da ein zentraler CSU-Politiker: mit der Hand quer über den Hals. So freundlich war es in der CSU zuletzt. Bis ganz zum Schluss ist offen, ob der bayerische Innenminister Joachim Herrmann Söder in einer Kampfkandidatur herausfordert. Er verzichtet dann und kriegt viel Lob für seinen Anstand hinterher. Und nun sitzt da erst Söder und sagt: Ich freue mich.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen