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Colonia Dignidad „Warum hat uns Kinder da keiner rausgeholt?“

Anna Schnellenkamp spricht über Colonia Dignidad. Sie wurde in die Sekte in Chile hineingeboren und hat dort unter Schlägen, Psychoterror und Zwangsarbeit gelitten.

Heute leben die ehemaligen Sekten-Mitglieder vom Tourismus. Im Bild das Hotel Baviera. Foto: rtr

Ein Kinofilm hat den Außenminister zum Handeln bewegt: Nachdem er „Colonia Dignidad“ gesehen hatte, hat Frank-Walter Steinmeier die Akten über die deutsche Sekte in Chile freigegeben und eingeräumt, dass deutsche Diplomaten jahrelang nicht richtig hingeschaut haben. Die Mitglieder der Colonia wurden über Jahrzehnte von ihrer Führungsriege terrorisiert, mit Schlägen, sexuellem Missbrauch, Zwangsarbeit, Psychopharmaka, Elektroschocks. Anna Schnellenkamp wurde in die Colonia hineingeboren. Sie war als Zeitzeugin vom Auswärtigen Amt eingeladen und liest sich jetzt durch den nun zugänglichen internen Briefwechsel, Protokolle, Vermerke, Fernschreiben. Wir haben sie nach ihrem ersten Tag im Archiv getroffen.

Frau Schnellenkamp, wie war der Tag?
Ich bin komplett durch den Wind. Die Ämter und Behörden haben alles gewusst, was in der Colonia lief. Und wie früh! Ab 1966. Mich schockiert auch sehr, wie aus den Akten hervorgeht, wie Paul Schäfer die gesamte Gemeinschaft mit Lügen manipuliert hat.

Sie sind in die Colonia hineingeboren worden und haben dort 30 Jahre gelebt. Wie?
Verglichen zu anderen hatte ich Glück: Ich musste schwer arbeiten, ich wurde psychisch unter Druck gesetzt. Ich wurde geschlagen, mit 19 Jahren das letzte Mal – fragen Sie nicht wie sehr. Aber ich musste keine Psychopharmaka nehmen, ich wurde nicht missbraucht. Und ich war zu jung, um in vieles hineingezogen zu werden.

Waren Sie privilegiert? Immerhin gehörte ihr Vater, Kurt Schnellenkamp, zur Führungsmannschaft.
Wir sind in Kinderhäusern groß geworden, unsere Bezugsperson war die jeweilige Gruppentante. Ich wusste lange gar nicht, wer meine Eltern sind. War ich privilegiert? Nein, keineswegs. Ich wurde bestraft, weil ich Geschichten lesen, erzählen, oder schreiben wollte. Das durfte nicht sein, man durfte sich nicht geistig oder individuell entwickeln, man musste nur arbeiten. Auch hatte ich einen völlig schiefen Kiefer, vielleicht wegen der Ohrfeigen. Ich konnte nicht kauen. Niemand hat sich darum gekümmert. Es war immer mein Traum einmal richtig schön lächeln zu können. Erst später, nach der Öffnung der Colonia, konnte ich einen Arzt besuchen.

Die Colonia firmierte nach außen als Wohltätigkeitsverein zur Förderung von Waisenkindern. Wie ging es den Kindern?
Es war ein Leben in Angst und ohne persönlichen Raum. Ich habe mich nicht getraut, aufrecht zu gehen, weil man dann zusammengeschrien wurde als eitle Gans. Man durfte sich auch nicht in den Spiegel schauen, weil das als eitel galt. Wir lebten zu sechst oder siebt in einem Zimmer. In einem gemeinsamen Schrank gab es etwas Platz für das Kleiderpäckchen, das konnte man sich jede Woche abholen. Die Zahnpasta wurde zugeteilt, Zopfhaltergummi wurde vom Fahrradschlauch abgeschnitten, der Zahnputzbecher war eine abgeschnittene Flasche. Geburtstage wurden nicht gefeiert. Es gab nichts Privates. Nicht mal einen eigenen Kamm. Wir haben uns um drei Gruppenkämme gestritten, weil wir alle immer den einen haben wollten, der nicht so kleine Sprossen hatte.

Auf Bildern aus der Colonia sieht man Frauen und Männer meist in Dirndl und Lederhosen.
Das war die Besuchershow. Wir waren immer hässlich angezogen. Schwarz und Rot waren verboten als Farben des Teufels, rosa oder leuchtende Farben gab es gar nicht. Die Frauen durften nichts Frauliches zeigen. Die Kleidung war sackartig. Unsere Blusen waren Männerhemden mit abgeschnittenem Kragen. Übers Kleid kam eine Schürze, unter das Kleid eine Hose.

Wie war der Alltag?
Wir haben keinen Lohn bekommen und weit über jede gesetzliche Arbeitszeit gearbeitet, jeden Tag, von morgens um 7 Uhr bis abends um 22 oder 23 Uhr. Es gab keine freie Zeit. Man war nur noch müde. Ich bin eingeschlafen bei jeder Tätigkeit, mit dem Messer in der Hand beim Kuchenschneiden.

War Ihnen klar, dass Sie kein normales Leben führten? Ab und zu ist der Colonia-Chor ja draußen aufgetreten.
Das waren Ausflüge unter einer schwarzen Wolke der Angst. Vorher hat Paul Schäfer Predigten gehalten, dass wir ja nicht irgendwo hingucken, wo wir nicht hingucken sollen, weil das des Teufels ist. Im Bus wurden die Gardinen zugezogen, sobald wir durch Städte fuhren. Irgendwann haben wir mal ein Liebespärchen gesehen, das sich küsste. Und wir dachten: Was machen die denn da? Ein Mann und eine Frau hängen die ganze Zeit mit dem Mund zusammen? Die sind krank, wurde uns dann gesagt. Wie Kinder entstehen, habe ich erst mit 25 erfahren. Das muss man sich mal vorstellen.

Hatten Sie nie den Impuls zu fliehen?
Es gab immer den Wunsch in mir, eine Stadt zu sehen. Aber den Gedanken zu fliehen gab es nicht. Wir sahen einfach keine Möglichkeit. Gar nicht. Da war ja der Zaun. Und die Angst war zu groß. Schon die Angst vor diesem ständigen Geschreie bei den Gemeindeversammlungen. Da wurden Einzelne rausgepickt und den ganzen Abend auf denen rumgehackt. In so einer Rolle wollte man nicht sein. Man wollte keine physischen oder psychischen Qualen erleiden. Und es gab ja die Beispiele von denen, die zu flüchten versuchten: Einer kam nur bis zum Fahrrad, dann waren sie schon hinter ihm her. Dann gab es keine Rettung mehr für ihn, wochenlang nicht.

Viele Leute haben letztlich unter einem oder unter wenigen gelitten. Warum haben Sie sich nicht zusammengeschlossen?
Irgend jemand hat immer Angst gekriegt hat, Gewissenskonflikte bekommen und berichtet: Wir haben etwas Schlechtes gedacht. Auf den Versammlungen wurde dann weiter gefragt: Was habt ihr noch gedacht? Hier ist doch der Satan im Raum. So fing jeder an sich zu verkriechen und zu ducken.

War es so schrecklich wie im aktuellen Kinofilm über die Colonia Dignidad?
Es war schlimmer als im Film.

Auf dem Gelände der Colonia leben noch heute über 100 Leute. Wie kann das sein nach all dem, was dort passiert ist?
Für viele ist der Ort zur Heimat geworden, trotz des Schreckens. Sie haben dort schrittweise Freiheit gewonnen, haben dort geheiratet, haben dort Familie, Freunde, sie konnten sich dort jetzt selber ein bisschen einrichten, mit einer Küche, einem Wohnzimmer, etwas Gärtchen. Leider ist es aber immer noch nicht ihr Eigenes, das möchten wir jetzt unbedingt erreichen, dass es endlich Privateigentum für die Bewohner gibt. Viele möchten nicht mehr weg. Es ist ein Leichtersein in dem gleichen Ort. Es ist für viele ein Kraftaufwand, nochmal neu woanders anzufangen, sich neuen Gefahren auszusetzen. Und es ist ein idyllischer Ort, mit Natur, dem Fluss, den Bergen im Hintergrund.

Und Sie wollen auch gerne da bleiben?
Ich könnte mir vorstellen, in Santiago zu leben. Ich liebe die Großstadt und es wäre spannend, ein eigenes Restaurant zu betreiben. Ich will nicht immer mit der Colonia verbunden werden. Aber ich fühle mich verantwortlich dafür, den Übergang mit zu gestalten.

In den vergangenen Jahren haben Sie Schlagzeilen gemacht, weil sie auf dem Gelände auf Tourismus setzten, mit Hotel und Oktoberfest. Sie hatten dabei eine verantwortliche Rolle.
Wir haben uns den Tourismus nicht ausgesucht. 2005 wurde Schäfer gefasst. Dann kam die Presse und Besucher. Die sind reingeströmt, die wollten essen und trinken. Aber da gab es nichts. Und wir hatten kein Geld, Schäfer hatte viel mitgenommen und wir saßen auf einer Riesen-Steuerschuld. Wir haben also den Versammlungssaal zum Restaurant gemacht, etwas gestrichen und dekoriert. Das war der Anfang. Das hat sich dann leider etwas verschoben. Die Chilenen gehen schnell über die Geschichte hinweg, die wollen einfach nur leben. Da gab es dann die Anfrage: Ihr heißt Villa Baviera, warum macht ihr kein eigenes Bier, kein Oktoberfest? Dann haben wir das gemacht. Unsere Leute waren begeistert. Endlich mal ein Volksfest und nicht nur ein Event, wie es Paul Schäfer organisiert hat, alles Fassade und hinterher ist alles wieder bedrückt. Endlich was Schönes vor Ort, ein Platz, wo man sich frei hinsetzen kann, und mit Besuchern reden, tanzen und spielen kann. Das haben wir dann beibehalten.

Ihnen wurde – auch von Angehörigen chilenischer Folteropfer – vorgeworfen, dem Gedenken zu wenig Platz einzuräumen und statt dessen Geschäfte mit Folklore zu machen.
Ja, deswegen haben wir das Bierfest abgesagt dieses Jahr. Jetzt kommt die Kritik von anderer Seite, von denen, die gerne feiern wollen. Meine Kollegen sagen: Man kann uns doch nicht wieder verbieten, was wir zu tun und zu lassen haben. Aber die Entscheidung steht, vielleicht ist die Absage auch für immer.

Also auch kein Tourismus mehr?
Doch, den brauchen wir. Davon leben mehrere Familien. Und Tourismus bedeutet Kontaktmöglichkeiten. Für alle, die dort leben, ist das wichtig: Bitte auf keinen Fall mehr die Tore schließen. Wenn wir das Restaurant schließen und das Hotel – oder das Hotelchen, ist ja nur ein kleines Ding – dann kommt wieder keiner, dafür ist die Villa Baviera zu weit entfernt von anderen Orten. Und die Leute wollen doch dort leben bleiben.

Wie geht es weiter? Das Gedenken findet bislang nur auf einer Chronik statt – mit dem lapidaren Hinweis „años difficiles“, schwierige Jahre.
Die Gedenkstelle soll ausgebaut werden. Aber es soll keine tote Gedenkstelle sein, sondern auch ein Ort des Lebens, ein Ort zur Erinnerung des Überlebens. Dazu brauchen wir aber auch weitere Hilfe.

Woran denken Sie?
Viele ehemalige Colonos sind schwer traumatisiert. Wir brauchen psychologische Unterstützung. Die Bundesregierung hat Hilfe finanziert. Die ist aber 2013 ausgelaufen. Auch Zuspruch wäre gut. Wenn zum Beispiel jüngere Leute dort hinkommen könnten, für ein soziales Jahr im Erziehungsbereich oder in der Krankenbetreuung, als Hilfe in der Museums oder Gedenkstätteneinrichtung das wäre toll. Wir sehnen uns danach, dass uns die Last von den Schultern genommen wird. Es würde so viel erreicht, wenn endlich jemand zuhört. Wenn endlich jemand sagt: Erzähl mir Deine Geschichte. Und was auch wichtig ist: Entschädigung. Alle die hineingeboren oder zwangsadoptiert wurden, haben ja entsetzliches Leid erlebt und bis heute keine Form der Wiedergutmachung erhalten.

Entschädigung dafür, dass sich Leute in eine Sekte begeben haben?
Es gibt 150 Menschen, die nichts dafür können, dass sie in der Colonia lebten. Sie kamen als Kinder dort hin oder wurden dort geboren. Sie wurden misshandelt, von ihren Eltern getrennt, mussten hart arbeiten. Die Schulbildung war schlecht. Für die, die damals Kinder waren, muss es wenigstens eine einmalige Entschädigung geben. 5000 Euro pro Person wären angemessen. Das ist ein symbolischer Wert. Aber für uns, die wir nie Geld hatten und jetzt teilweise hohe Gesundheitskosten tragen müssen, ist es eine gute Riesensumme.

Warum sollte der deutsche Staat das zahlen?
Weil die Informationen auf dem Tisch lagen, seit 1966. Aber niemand hat reagiert. Oder es wurde reagiert, aber nicht durchgreifend. Und 1966 war in Chile die Militärdiktatur von Augusto Pinochet noch nicht an der Macht. Da hätte man, bis zum Militärputsch 1973, etwas machen können, längst. Das ganze wäre beizeiten zum Stillstand gekommen. So viel Jahre mussten vergehen, so viele Menschen haben ihr Leben verloren, haben ihr Leben dahingelebt, haben keine Familien gründen können, können es nicht mehr zurückdrehen. Da bleibt schon eine schwere Anklage: Warum hat keiner reagiert? Warum hat uns Kinder da keiner rausgeholt?

Findet Ihre Forderung offene Ohren in der Bundesregierung?
Bei Herrn Steinmeier habe ich besonders das Gefühl, auf offene Ohren zu stoßen, er hat sich sehr viel Zeit genommen um mit Bewohnern und ehemaligen Bewohnern auch persönlich zu sprechen. Da hat er natürlich erkannt, welch massive Probleme auch finanzieller Art wir haben. Auch seine Rede war ja ein sehr positiver und unerwarteter Schritt, aber das kann bei den schwerwiegenden Fehlern natürlich jetzt nicht alles gewesen sein.

Paul Schäfer ist im chilenischen Gefängnis gestorben. Andere leben noch, der Colonia-Arzt Hartmut Hopp zum Beispiel in Krefeld. Wäre es eine Genugtuung, wenn er verhaftet würde?
Er hatte studiert, er war Arzt, er wusste, was vor sich ging. Er hat die Diplomaten abgewimmelt und ihnen erzählt, wie frei wir sind. Ich möchte, dass er zu seiner Verantwortung steht.

Und Ihre Eltern? Stehen die zu ihrer Verantwortung?
Ich habe sie gefragt, warum sie mit nach Chile gegangen sind. Papa war im Krieg als Soldat, er wollte dann sein Leben Gott widmen. Es ist schrecklich, nachzuvollziehen, dass er statt dessen Paul Schäfer bis ins Detail gefolgt ist. Mutti hat gesagt: Ich bin gegangen, weil ich in Papa verliebt war. Als dann alles vorbei war, hat sie Kritik am alten System schwer vertragen. Sie war so indoktriniert. Sie hat immer gesagt: Wir hatten doch auch eine schöne Zeit, man kann nicht alles verwerfen – obwohl sie dreimal von dort weg wollte. Beim dritten Mal war der Anlass: Sie hatte sich von einem Mann, der in der Colonia publizistische Arbeit machen musste, ein Foto von meinem jüngsten Bruder ausdrucken lassen. Das hat jemand gemeldet. Mutti wurde vor die Herrenversammlung gezogen und fertig gemacht. Das hat sie nicht ertragen und wollte gehen. Sie ist aber nur bis zum Zaun gegangen, sie hatte ja auch weder Geld noch Papiere. Papa und Mutti haben ihr Leben mit der religiösen Ebene begründet: Leiden wir lieber hier und haben dann einen Platz im Himmel. Das ist besser als wenn wir in die Hölle kommen. Die dachten wirklich so.

Interview: Daniela Vates

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