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Colonia Dignidad Mitschuld deutscher Behörden ist noch unerforscht

In der deutschen Sektenenklave „Colonia Dignidad“ in Chile herrschte ein Terrorregime mit Folter und Kindsmissbrauch. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier gibt die Akten zehn Jahre vor Ende der gesetzlichen Geheimhaltungsfrist frei - ein Schritt, der für Diskussionen im Amt sorgt.

TWO POLICEMEN GUARD THE ENTRANCE OF COLONIA DIGNIDAD
Two policemen guard the main entrance of Colonia Dignidad (Colony Dignity) in Parral 300 km south Santiago after more than two hundred policemen entered the compound 18 June, searching for it's leader, Paul Schaeffer. A judge ordered his capture accusing him of child abuse. Members of the colony said that Schaeffer has not been seen in the community for months. n DIGNITY COLONY CHILE - RTR4K8K Foto: © Reuters Photographer / Reuter (X00700)

Im Film ist das Grauen plakativ: Es ist der Handschlag des Deutschen Botschafters mit dem Sektenchef, der das Gefühl von Sicherheit zerstört. Es ist das heimliche Telefonat der Botschaftsmitarbeiterin, die die Geflohenen verrät, das klar macht: Die Diplomaten stecken mit den Tätern unter einer Decke. Es ist ein Alptraum im Film „Colonia Dignidad – Es gibt kein Zurück“ der derzeit in den Kinos läuft.

Und der Alptraum wird noch schwerer erträglich, weil klar ist: Es sind nicht nur die Schauspieler Emma Watson und Daniel Brühl, die vor Filmkameras bangen müssen. So oder so ähnlich ist es wirklich gewesen. Bis Mitte der 90er Jahre führte in der streng abgeschirmten deutschen Sektenenklave in Chile deren Chef Paul Schäfer sein Terrorregime, mit Folter, Kindsmissbrauch und Medikamentenexperimenten und Zusammenarbeit mit der chilenischen Militärdiktatur. Danach wurde sie noch zehn Jahre von Nachfolgern weitergeführt.

Die Beklemmung hat offenbar auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier erfasst. Er hat den Film am Dienstag im Ministerium zeigen lassen. Die Anklage gegen die deutsche Diplomatie ist mitten in deren Zentrum angekommen. Steinmeier sagt danach in seiner Rede, der Film sei „der künstlerische Anstoß“ dafür gewesen, dass sich sein Amt erneut mit seiner Rolle im Umgang mit der Colonia Dignidad beschäftigt habe. Offensichtlich habe man den gebraucht.

Steinmeiers Urteil ist vernichtend: „Die Colonia Dignidad ist kein Ruhmesblatt in der Geschichte des Auswärtigen Amtes.“ Die deutschen Diplomaten hätten „bestenfalls weggeschaut“, in jedem Fall aber „zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute getan“. Selbst nach Auflösung der Sekte habe man „die notwendige Entschlossenheit und Transparenz vermissen lassen, seine Verantwortung zu identifizieren und daraus Lehren zu ziehen“. Eindrückliche Beispiele nennt Steinmeier. Die Ehrenerklärung des deutschen Botschafters Erich Strätling angesichts von Folter- und Missbrauchsvorwürfen von Menschenrechtsorganisationen etwa.

Die Notiz eines Botschaftsmitarbeiters aus dem Jahr 1977, der nach einem Besuch des Sektengeländes vermerkte, dort sei es „ordentlich und sauber bis zu den Schweineställen“. Das geflohene Ehepaar, das sich in der kanadischen Botschaft meldete, weil ihnen die deutsche Botschaft zu unsicher erschien. Schließlich ein Urteil eines weiteren deutschen Diplomaten, der die Colonia schockiert mit einem Konzentrationslager verglich: „So ähnlich muss Theresienstadt gewesen sein.“

Die Mitschuld deutscher Behörden ist noch nicht komplett erforscht. Steinmeier hat sich daher nun zu einem Schritt entschieden, der für viele Diskussionen im Amt gesorgt hat. Er gibt alle Akten frei, zehn Jahre vor Ende der gesetzlichen Geheimhaltungsfrist. Es betrifft die Jahre 1985 bis 1996, die letzten Jahre vor der Flucht des Sektenführers Schäfer, der 2005 in Argentinien verhaftet wurde und 2010 im Gefängnis starb. Der Umgang mit der Colonia soll als warnendes Beispiel in die Diplomatenausbildung aufgenommen werden: „Die fehlende Weisung darf nicht Rechtfertigung für Wegschauen und Untätigkeit sein“, sagt Steinmeier.

Ehemalige Bewohner der Colonia sind zu der Vorführung gekommen. Wolfgang Kneese, dem vor 50 Jahren die Flucht gelang, spricht von „einem Tag, der mir Hoffnung macht“. Anna Schnellenkamp, die in der Sekte aufwuchs und noch mit etwa 130 anderen auf dem Gelände lebt, sagt: „Etwas Positives kann man nicht empfinden.“ Sie ist jetzt Ende 30, ihr Leben ohne Sekte dauert erst zehn Jahre. Sie berichtet vom Leben „wie in einer Glaskugel“, von psychischen Problemen der ehemaligen Bewohner. Sie bittet um Hilfe, Psychologen und finanzielle Unterstützung. Sie sagt, der Kinofilm sei untertrieben. „Das Leiden vieler war noch grausamer.“

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