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Christian Wulff Wie ein Fremdkörper

Vor einem Jahr ist Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten. Bis heute ermitteln die Staatsanwälte wegen Korruptionsverdacht gegen ihn. Seine einstigen Freunde meiden ihn.

Das war vor einem Jahr: Christian Wulff (hier mit seiner Frau Bettina) erklärt im Schloss Bellevue seinen Rücktritt als Bundespräsident. Foto: dpa

Nulleins ist das interne Codewort, mit dem die Sicherheitsbeamten den Bundespräsidenten bezeichnen, nach dem Nummernschild seines Dienstwagens, 01. Christian Wulff war für 598 Tage diese Nulleins, der erste Mann im Staat. Er wird immer noch von Beamten des BKA bewacht, doch nun wäre der passende Code wohl eine blanke Null.

Denn dazu ist Christian Wulff nach seinem Rücktritt vor einem Jahr geworden, zu einer Unperson, einer Nullnummer in der politischen Gesellschaft der Bundesrepublik. Noch nie ist hier ein Politiker so tief gestürzt wie er, noch nie ist mit einem aus der höchsten politischen Klasse Gefallenen so gnadenlos umgegangen worden wie mit ihm.

Vor genau einem Jahr erreichte die quälende Debatte um den Bundespräsidenten und seine Verwicklung in unsaubere Finanzierungs- und Günstlingsmodelle ihren Höhepunkt. Am 16. Februar leitete die Staatsanwaltschaft Hannover ihre Ermittlungen gegen Wulff wegen Vorteilsnahme, einfacher: wegen des Verdachts der Korruption ein. Am Tag darauf trat Wulff zurück. Ein Präsident, dessen Haus und Büro von Polizei und Staatsanwalt durchsucht werden, ist in Deutschland nicht vorstellbar, selbst wenn der konkrete Vorwurf die Summe von 3000 Euro nicht übersteigt, die ein befreundeter Filmunternehmer für Hotelübernachtungen von Bettina und Christian Wulff übernommen haben soll.

Der Dolch auf rotem Kissen

Die Ermittlungen, die zeitweise den Umfang eines Verfahrens gegen Schwerkriminelle erreichten, sind bis heute nicht abgeschlossen. Kundige gehen davon aus, dass sie wahrscheinlich eingestellt werden und die Staatsanwälte nur noch nach einem Weg suchen, einigermaßen unbeschädigt aus dem Verfahren herauszukommen, das immerhin das Staatsoberhaupt gestürzt hat. Aber wäre Christian Wulff ohne dieses Verfahren noch im Amt? Zweifel sind erlaubt.

Denn die juristischen Aspekte dieser Affäre sind nur die eine Seite. Auf der anderen Seite ist ein Präsident zu sehen, der über Monate von den Medien des Landes unter Druck gesetzt worden ist und durch törichtes Verhalten seine Lage immer schlimmer statt besser gemacht hat.

Das Schlüsselereignis war gewiss seine unselige Nachricht auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs, mit dem er die Veröffentlichung eines Artikels über seinen privaten Hauskredit verhindern wollte. „Er überreichte der Bild-Zeitung damit einen goldenen Dolch auf einem roten Kissen“, schreibt der Journalist Michael Götschenberg in einem klugen Buch über die Affäre Wulff. Mit diesem Dolch hätte das Springer-Blatt wohl auch irgendwann zugestoßen, wenn die Staatsanwaltschaft ihr nicht die Arbeit abgenommen hätte. Zu den bis heute ungeklärten Merkwürdigkeiten der Affäre zählt, dass die Politik sich weitgehend herausgehalten hat. Obwohl es um einen der ihren ging, man könnte sogar sagen, um den Klassenprimus, ließen die Politiker Christian Wulff weitgehend allein in seinem Abwehrkampf gegen eine Mediengesellschaft im Jagdfieber. So wurde diese eigentlich doch hochpolitische Angelegenheit zu einer des Boulevards. Und diese Situation hält an.

Keine öffentlichen Auftritte

Wer heute einstige Wegbegleiter, Parteifreunde nach Wulff fragt, stößt auf peinlich berührte Gesprächspartner mit einem schlechten Gewissen. Wulff bewegt sich durchaus in Berlin, er hat ein Büro im Abgeordnetenhaus Unter den Linden, aber er wird gemieden. Inzwischen verzichtet er auf die Teilnahme an politisch-gesellschaftlichen Ereignissen in der Hauptstadt, die ihm als ehemaligem Staatsoberhaupt durchaus offenstehen, wohl, um sich und den anderen die Peinlichkeit im Umgang mit einem quasi Aussätzigen zu ersparen.

Er hat zwei Versuche gemacht. Im Mai folgte er der Einladung zu einem Essen des Bundespräsidenten für den früheren polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski. Ein Vierteljahr nach seinem Rücktritt wirkte er wie ein Fremdkörper im Schloss Bellevue. Viele machten einen Bogen um ihn, bis sich schließlich die frühere Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth seiner erbarmte und ihn in Gespräche einband. Man habe sich Sorgen um ihn machen müssen, sagt einer aus dem Stab seines Nachfolgers Joachim Gauck. Im Juli kam er zum Bundeswehr-Gedenken an die Attentäter des 20. Juli, und seine Erscheinung löste vor allem Erschrecken aus: Abgemagert und isoliert saß er am Rande der Zuhörerschar.

Seither ist Wulff in Berlin nicht mehr öffentlich aufgetreten. Es kam dann die Zeit, in der seine Frau Bettina ihr von vielen als unangemessen und pubertär empfundenes Buch veröffentlichte. Er muss die desaströse Wirkung des Buches vorausgesehen haben, konnte die Veröffentlichung aber nicht verhindern. Er kam darin nicht gut weg, und manche sahen bereits die dann Anfang dieses Jahres vollzogene Trennung der beiden voraus.

Suche nach einer neuen Rolle

Es heißt, Politiker der schwarz-gelben Koalition bemühten sich um eine neue, einem jungen Alt-Präsidenten angemessene Aufgabe. So soll er im Gespräch sein als Beauftragter für die deutsch-türkischen Beziehungen. Unter den türkischen Mitbürgern genießt er nach wie vor höchstes Ansehen, vor allem wegen des einen Satzes, der immer mit seiner Amtszeit verbunden sein wird: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Nach Aufdeckung der Mordserie Rechtsradikaler lud er als erster die zumeist türkischen Opferfamilien nach Berlin ein und moderierte einen bewegenden Abend im Schloss Bellevue. Hier könnte sich also eine glaubwürdige Rolle für ihn finden lassen.

Doch so lange die Staatsanwälte ermitteln, lebt Christian Wulff in einem Schwebezustand. Materiell ist er abgesichert mit dem Ruhegeld von 200 000 Euro im Jahr. Dem dürften allerdings immense Anwaltskosten gegenüberstehen. Seit zwölf Monaten schweigt er. Aber irgendwann wird er reden. Ob das die Rede eines Büßers oder eines Rächers wird? Gewiss ist, dass er einige Rechnungen offen hat. Vor allem mit einstigen Kameraden aus der politischen Klasse.

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