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Christian Wulff Christian Wulff, der öffentliche Mensch

Das Landgericht Hamburg entscheidet, dass sich Christian Wulff Veröffentlichungen über Privates gefallen lassen muss. Das Gericht hält ihm vor, dass er einst selbst die eigene Familie an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Goldene Bücher sind besser: Die Auflage ist zwar geringer, aber es stehen auch nur nette Sachen drin. Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Das Landgericht Hamburg entscheidet, dass sich Christian Wulff Veröffentlichungen über Privates gefallen lassen muss. Das Gericht hält ihm vor, dass er einst selbst die eigene Familie an die Öffentlichkeit gebracht hat.

Manchmal schickt Christian Wulff seine Berliner Büroleiterin mit dem Auftrag los, ihm ein bestimmtes Buch zu besorgen. So war das auch am 29. Mai, als die Mitarbeiterin mit dem Werk „Die Machtmaschine – Sex, Lügen und Politik“ des Journalisten Sascha Adamek zurück ins Büro Unter den Linden kam. Am Tag darauf, so erklärte der ehemalige Bundespräsident später in einer eidesstattlichen Versicherung, habe er dann auch das Kapitel 4 gelesen: „Die Akte Christian und Bettina Wulff“.

Auf knapp 100 Seiten schildert Adamek dort, wie im Sommer 2010 ein Dossier in Berliner Journalistenkreisen herumgereicht wurde. Darin ging es auch um jene Gerüchte, die Wulffs Ehefrau inzwischen in ihrem Buch „Jenseits des Protokolls“ selbst veröffentlicht und dementiert hat: dass sie einst im Rotlichtmilieu Hannovers als Escort-Dame gearbeitet habe.

Adamek zitiert nun allerlei Details aus dem Dossier über angebliche Besuche Wulffs im Rotlichtmilieu jener Zeit, stets als nicht belegt, als nicht stichhaltig, als fragwürdig gekennzeichnet. Dem Autor ging es nicht um die Verbreitung schlüpfriger Sensationen. Sein Interesse galt der Frage, wie Gerüchte und Spekulationen, die gezielt in die richtigen Netzwerke oder Medien gesteuert werden, einst ambitionierte Karrieren beeinflussen können. Der Fall des gestürzten Präsidenten Wulff steht dabei exemplarisch neben anderen.

Zum Zeitpunkt der Lektüre Wulffs war das Buch bereits seit drei Monaten auf dem Markt, dennoch entdeckten er und seine Anwälte nun plötzlich eine große Eilbedürftigkeit. Sie forderten von Adamek und seinem Verlag eine Unterlassungserklärung in acht Punkten, weil sie die Persönlichkeitsrechte des Bundespräsidenten a. D. schwerwiegend verletzt sahen.

Buch bleibt im Handel

Als Adamek und der Heyne-Verlag sich weigerten, beantragten Wulffs Anwälte eine einstweilige Verfügung, mit der die Verbreitung dieser Aussagen untersagt werden sollte. Das Ziel war klar: Das Buch „Die Machtmaschine“ sollte aus dem Verkehr gezogen werden.

Mit dieser Absicht ist Wulff nun gescheitert. Zwar hat das Landgericht Hamburg angeordnet, dass der Autor einige der fraglichen Sätze nicht mehr verbreiten darf. Die entscheidende Aussage aber findet sich am Ende des Beschlusses der drei Richterinnen der Pressekammer: „Die ausgedruckten und aufgebundenen Exemplare sind von dem Verbot ausgenommen.“

Mit anderen Worten: „Die Machtmaschine“ bleibt im Handel, noch mehrere tausend Exemplare der ersten Ausgabe können weiter ausgeliefert und verkauft werden. In einer Stellungnahme in dem Verfahren wiesen die Richterinnen darauf hin, dass Wulff als Bundespräsident nicht nur von herausragender Bedeutung sei, sondern sein Privatleben auch nicht streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt habe. „Er trat bewusst mit der Familie … in die Öffentlichkeit.“

Der Fall ist ein Beispiel dafür, wie mühselig Christian Wulff auch fast eineinhalb Jahre nach seinem Rücktritt daran arbeitet, sein Ansehen wiederherzustellen. Jederzeit stehen Anwälte bereit, um gegen missliebige Artikel vorzugehen. Jüngst ließen sie der Illustrierten „Bunte“ die Nachricht untersagen, der von seiner Frau getrennt lebende Ex-Präsident habe eine Paarbeziehung mit einer Musikmanagerin.

Die für die Zukunft Wulffs wirklich entscheidende Frage aber ist noch unbeantwortet: ob es vor dem Landgericht Hannover einen Prozess gegen den ehemaligen Bundespräsidenten wegen Korruption geben wird. Deshalb hat die Staatsanwaltschaft ihn angeklagt. Das Gericht prüft seit Monaten, ob es die Anklage zulässt oder dem Antrag von Wulffs Anwälten folgt, das Verfahren einzustellen. Sie weisen sämtliche Vorwürfe – es geht allerdings nur noch um wenige hundert Euro – zurück.

Wann die Entscheidung fällt, ist völlig offen. Derzeit sind in Niedersachsen Sommerferien. Man wäre sehr überrascht, hieß es am Gericht, wenn der zuständige Richter sich in Kürze äußern würde, wie in manchen Medien spekuliert worden war.

Fatale Hängepartie

Für Wulff ist diese Hängepartie fatal. Ihm und seinen wenigen verbliebenen politischen Freunden sind die Hände auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive für ihn gebunden, solange das Verfahren droht. Erst nach einem eindeutigen Freispruch lässt sich daran denken, den 54 Jahre alten ehemaligen CDU-Politiker für eine Position zum Beispiel in einer internationalen Stiftung ins Gespräch zu bringen.

So lange muss Wulff sich anderweitig beschäftigen. Jüngst soll er mit einem illustren Gefährten zum Wandern in Südtirol gewesen sein: mit dem Bundestagsabgeordneten Diether Dehm, der für die niedersächsische Linkspartei im Bundestag sitzt.

Ein alter Bekannter, einst Sozialdemokrat und als Liedermacher unter anderem der „Bots“ („Das weiche Wasser bricht den Stein“) bekannt. Mit Wulff verbindet ihn womöglich, dass auch er unter Parteifreunden nicht besonders beliebt ist. Vielleicht ist die Urlaubsgeschichte ja auch nur ein Gerücht. Aber ein ziemlich gut belegtes.

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