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Cem Özdemir über Antisemitismus "Staat darf sich nicht wegducken"

Grünen-Chef Cem Özdemir spricht im FR-Interview über Antisemitismus in der türkischen Community, die Identitätssuche von Jugendlichen und den Konflikt im Nahen Osten.

22.02.2009 21:02
Der Protest gegen israelische Politik und die Solidarisierung mit den Palästinensern paaren sich bei manchen muslimischen Einwanderern mit judenfeindlichen Vorurteilen. Foto: rtr

Herr Özdemir, wie ausgeprägt sind antisemitische Tendenzen in der muslimischen Einwanderergesellschaft ?

Wir müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass es antisemitische Denkweisen nicht nur am rechten Rand oder bei linken sogenannten Anti-Imperialisten gibt, sondern auch in der muslimischen Community - insbesondere bei männlichen arabischen, türkischen und kurdischen Jugendlichen.

Sind diese antisemitischen Einstellungen Randerscheinung oder ein wachsender Trend?

Es gibt darüber leider keine empirischen Erkenntnisse, die uns wiederum helfen könnten, Gegenstrategien zu ergreifen. Aber wir müssen das Problem ernst nehmen. Insbesondere die Multiplikatoren der Einwanderer-Communitys dürfen zum Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht schweigen. Die Vertreter der muslimischen Verbände müssen klare Kante zeigen und betonen: Wer sich gegen Juden stellt und wer sich gegen das Existenzrecht Israels stellt, der kann nicht Bündnis- oder Gesprächspartner sein. Es gab Anfang der 90er Jahre eine funktionierende Koalition zwischen beiden, als der damalige Zentralratsvorsitzende der jüdischen Gemeinde, Ignatz Bubis, seine Erschütterung über die rechtsradikalen Anschläge auf türkische Familien bekundete. Aber diese Koalition hat stark gelitten und wir müssen versuchen, sie wieder zusammenzuführen.

Warum identifizieren sich auch türkischstämmige Jugendliche mit den Palästinensern?

Diese Jugendlichen sind vielfach auf Identitätssuche, sie empfinden sich in dieser Gesellschaft als marginalisiert und zeigen eine Überidentifikation mit dem Konflikt im Nahen Osten. Ein Motiv ist sicher die gemeinsame Religion, in der sich viele hier - zu Recht oder zu Unrecht - ausgegrenzt fühlen. Und leider gibt es nicht nur in der Türkei, sondern auch hierzulande viele Einwanderer, die versucht sind, den Nahost-Konflikt eins zu eins auf Deutschland zu übertragen und sich als Vertreter der palästinensischen Seite zu betrachten. Da spielen auch einige türkische und arabische Medien eine unrühmliche Rolle, die eine sehr verzerrte und stereotype Sicht auf Israel und die Juden in die Wohnzimmer nach Deutschland tragen.

Aber wie sollen Lehrer angemessen reagieren, wenn muslimische Schüler den Besuch in einem Konzentrationslager verweigern oder antijüdische Sprüche klopfen?

Das Falscheste wäre sicher, das Thema aus Angst gar nicht erst anzupacken. Man muss das Problem offen thematisieren, ohne zu stigmatisieren. Der Staat oder die Lehrerschaft dürfen sich jedenfalls bei diesem schwierigen Thema nicht wegducken. Wenn im Elternhaus eindeutig antisemitische Haltungen vertreten werden, dann müssen pädagogische Einrichtungen auch einen Konflikt riskieren und klarmachen: Diese Werte lassen sich nicht vereinbaren mit unseren Grundüberzeugungen - und übrigens auch nicht mit der Tradition des Islam. Der Antisemitismus ist ja keine islamische Erfindung, sondern ein relativ modernes Phänomen im Islam, der viel zu tun hat mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt und dessen politischer Instrumentalisierung durch radikale Organisationen.

Interview: Vera Gaserow

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