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CDU Der machtbewusste Lückenfüller

Jens Spahn hat sich in der CDU systematisch nach vorne gerobbt - und besetzt jetzt gekonnt die Leerstelle rechts außen.

Politischer Aschermittwoch in Baden-Württemberg
Dauerpräsent: Jens Spahn beim politischen Aschermittwoch in Baden-Württemberg. Foto: dpa

Als die letzte Verhandlungsnacht beendet ist, stürmt Jens Spahn aus der CDU-Zentrale. So schnell rauscht sonst keiner an den wartenden Journalisten vorbei. Er steigt in eine wartende Limousine. Am nächsten Tag macht er sich auf nach Wien. In Berlin präsentiert Angela Merkel den Koalitionsvertrag, vor einer blauen Aufstellwand zwischen zwei älteren Männern, CSU-Chef Horst Seehofer und Martin Schulz, der da noch der SPD-Vorsitzende ist. Alle sehen ziemlich müde aus.

Spahn lässt sich auf dem Opernball in Wien fotografieren, um ihn herum Männer in Smokings und Frauen in glitzernden Ballkleidern, alle jung, alle strahlend. In der Mitte der österreichische Kanzler Sebastian Kurz, zwei Plätze daneben Spahn. Zu Hause in Deutschland wird derweil der Koalitionsvertrag zerfleddert. Enttäuschte CDU-Politiker melden sich zu Wort und ein noch enttäuschterer SPD-Außenminister. Der SPD-Vorsitzende stürzt, die CDU-Vorsitzende sieht Anlass für ein Fernsehinterview, um sich zu verteidigen.

Der Ablauf ist natürlich ein Zufall, der Termin des Opernballs in Wien richtet sich nicht nach dem Ende der Koalitionsverhandlungen im Nachbarland. Aber die Symbolik passt: In Berlin ist eine Regierung im Werden, die schon als altbacken galt, bevor die Verhandlungen begonnen hatten. Und es gibt die x-te Debatte darüber, wie lange Merkel wohl noch im Kanzleramt sitzt. In Österreich hat gerade ein 30-Jähriger die CDU-Schwesterpartei ÖVP aufgemischt, eine große Koalition beendet und sich über ein Bündnis mit den Rechtspopulisten zum Kanzler wählen lassen. Ein Junger, ein Lauter, ein Ehrgeiziger, einer der sich gegen Merkel gestellt hat beim großen Streitthema, der Flüchtlingspolitik. So einer ist Spahn auch. Er ist einer der deutschen CDU-Politiker, bei denen der Berufswunsch Kanzler in der Abiturzeitung stand.

Der Wirtschaftsflügel windet sich

Nach dem Opernball macht er sich ein paar Tage etwas rar und ist doch präsent. Der Wirtschaftsflügel windet sich in Schmerzen, weil das Finanzministerium künftig von einem SPD-Minister geführt werden soll. Die Junge Union fordert, es müsse nun deutliche Zeichen geben. Die CDU, so kann man daraus lesen, ist kurz vor dem Untergang. „Es geht nicht ums Finanzministerium. Man kann die Kritik darauf reduzieren: Spahn soll in die Regierung“, sagt ein Regierungsmitglied in Berlin.

Spahn (37), seit kurzem verheiratet mit einem Klatschjournalisten, kommt aus dem Dorf Ottenstein bei Ahaus. Ahaus ist bekannt als Standort eines Zwischenlagers für Brennelemente, das Münsterland als sichere Bank für die CDU. Er sei mit 15 in die Junge Union eingetreten, sagt er, weil die Linken die Debatten in der Schule beherrscht hätten. Mit 22 Jahren zog er erstmals in den Bundestag ein, das war 2002. Er wolle nicht als Hinterbänkler enden, sondern „sich nach vorne robben“, verkündete er damals. Das Nach-vorne-Robben ging er ziemlich entschlossen an. Er hatte ja schon einem älteren CDU-Kollegen die Direktkandidatur streitig gemacht.

Im Bundestag bändelte er mit jungen Kollegen von Grünen und FDP an, es war eine Art frühe Jamaika-Koalition. Nach der nächsten Wahl ging er in den Gesundheitsausschuss, um den sich nicht viele reißen. Viele Lobbyisten, viele Zahlen, unübersichtlich, ärgeranfällig. Die Leute aus dem Wirtschaftsflügel zog es eher in die Wirtschafts- und Finanzpolitik. Spahn hatte freie Fahrt.

Und dann kam 2008 und die Sache mit der Rentenerhöhung. Spahn sprach von einem „Wahlgeschenk an die Rentner“, das die junge Generation viel Geld kosten werde. Die Senioren-Union war empört und Spahn auf einen Schlag richtig bekannt. Weil die Älteren einen Großteil der Wähler stellen und die Mehrheit in den CDU-Gremien, sah es eine Weile lang sah so aus, als wäre damit seine Bundestagskarriere vorbei. Dann raufte man sich doch wieder zusammen.

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