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Castor-Transport nach Gorleben Nicht aufzuhalten

Die Aktivisten haben es geschafft: Immer wieder bringen sie den Castor-Transport zum Stehen - wenn auch nur kurzfristig. Der Zug wird sein Ziel trotz allem erreichen. Die Blockierer, Kletterkünstler und Schotterer haben ihn nicht aufhalten können. Eine Reportage.

07.11.2010 13:25
Jörg Schindler
Aktivisten protestieren in der Nähe von Dannenberg Foto: REUTERS

as Telefon klingelt um vier Uhr morgens. Es ist Cécile Lecomte. Sie wolle nur mitteilen, dass sie gerade mit einem Kumpel bei Bebra herumhänge, flötet die Kletteraktivistin. Von einer 70 Meter hohen Brücke über die Fulda. Unter sich zähle sie etwa 100 Einsatzfahrzeuge. Vermutlich werde sie sich so schnell nicht wieder melden können, sagt Lecomte. Die Polizei sei gerade nicht so gut auf sie zu sprechen. Sie klingt ruhig, fast fröhlich.


Die Kletteraktivistin und ihre Mitstreiter haben es wieder einmal geschafft. Der Castor-Zug steht in Nordhessen. Es ist der Auftakt zu einem Sonntag, der für die Polizei noch manche Überraschung bereithalten wird. Und an dem auch die Gewalt - wie befürchtet - ihren Weg ins Wendland findet.

Auch Metzingen ist früh auf den Beinen an diesem Morgen. Ein sternenklarer Himmel liegt um fünf Uhr über dem Dorf zehn Kilometer westlich von Dannenberg. Die Nacht hat Frost gebracht, dick vermummte Gestalten sitzen in bunten Transportern, wickeln Tapeverband um ihre Finger, justieren Stirnlampen. Mitten auf der Bundesstraße steht eine brennende Blechtonne, um die herum sich ein Grüppchen aufwärmt. Man friert, man wartet. Auf das Kommando zum "Castor schottern".

Drinnen, in der Scheune von Bauer Tinne, treffen die Aktivisten, die hier ihr Camp aufgeschlagen haben, die letzten Vorbereitungen. Man bespricht noch einmal die Fünf-Finger-Strategie, mit der man hofft, die Polizei im Wald narren zu können. Dann ziehen sie los, in Richtung Gleise und über ein Feld, das mit Hilfe von Polizeischeinwerfern nahezu taghell erleuchtet ist. Viele haben Schutzbrillen gegen Wasserwerfer auf oder sich einen Sack voll Heu unter den Arm geklemmt. Er soll, im Notfall, Schutz vor Schlagstöcken bieten.

Am Sammelpunkt Govelin, drei Kilometer weiter westlich, erleben die Organisatoren dieser umstrittensten Widerstands-Disziplin dann selbst die größte Überraschung des Tages. Mit 200 bis 300 Menschen, die Schotter aus dem Gleisbett entfernen wollen, haben sie gerechnet. Als sich der Tross der Aktivisten jedoch gegen kurz vor acht in Bewegung setzt, ist vom Anfang aus das Ende nicht zu erkennen. 2000 werden es wohl sein, die singend und trommelnd in den Wald ziehen. Die Polizei lässt sie zunächst gewähren.

Als der Demonstrationszug jedoch eineinhalb Stunden später, in der Höhe von Leitstade, die Gleise erreicht, ist es mit einem Schlag vorbei mit der relativen Ruhe, die den Castor-Protest seit Freitag ausgezeichnet hat. Hunderte Aktivisten laufen die Böschung herab auf die Gleise, dort aber werden sie bereits erwartet. Die Polizisten, die hier eine Kette bilden, zögern nicht lange: Mit Schlagstöcken, Fausthieben und Tritten bugsieren sie Dutzende Demonstranten aus dem Gleisbett. Und als diese wieder die Böschung hinauf kraxeln, setzen die Uniformierten nach, versprühen literweise Tränengas und Pfefferspray, schießen schließlich sogar Reizgas-Granaten in den Wald. Als sich der Rauch wieder lichtet, lehnen etliche Demonstranten halbblind an den Bäumen, andere versorgen Schnitt- und Schürfwunden von Freunden, manche humpeln mit Schmerzen davon.

Schon aber droht die Lage weiter zu eskalieren: Während einige Demonstranten nun morsche Holzstöcke nach den Polizisten werfen, kommt durch den Wald ein Wasserwerfer gefahren, von hinten eilen Uniformierte ihren Kollegen zur Hilfe. Die Demonstranten, von denen offenbar die wenigsten mit derartiger Härte gerechnet haben, blasen schließlich zum Rückzug. Schotter hat fast niemand von ihnen in die Hände bekommen. Das Gleisbett ist intakt. Der Zug mit Atommüll kann weiterrollen. Er ist zu diesem Zeitpunkt in Lehrte bei Hannover. Nichts hat ihn stoppen können: nicht die angeketteten Atomkraft-Gegner in Frankreich, nicht die
Sitzblockade in Berg bei Karlsruhe und auch nicht die Kletterkünste der Aktivisten in Nordhessen. Die Castoren sind einfach unter ihnen durchgerollt.

Im Wendland aber machen die Aktivisten weiter. Bei Hitzacker setzen sich am späten Vormittag die ersten hundert Demonstranten auf die Gleise. Auch dort werden sie von resoluten und teils berittenen Polizisten wieder vertrieben. Polizeipferde, werden die Organisatoren später beklagen, seien in die Menge geritten, mindestens zwei Menschen hätten Verletzungen davon getragen. Weiter östlich, vor dem Zwischenlager Gorleben, kommt es ebenfalls zu ersten Auseinandersetzungen mit der Polizei: Dort haben rund 1000 Mitstreiter von "x-tausendmal quer" die Straße blockiert.

Fast minütlich scheint sich die Situation nun zuzuspitzen. Ein Polizeisprecher lässt wissen, auch Beamte seien von Demonstranten mit Pfefferspray attackiert worden. In Leitstade, so heißt es, brenne ein Räumfahrzeug der Polizei, Aktivisten sollen es mit Teer übergossen haben. Mit jedem Kilometer, den die Castoren sich nähern, droht die Lage weiter außer Kontrolle zu geraten. Beide Seiten scheinen wild entschlossen, keinen Millimeter zu weichen. Für den Nachmittag, wenn der Atommüll-Zug in Dannenberg erwartet wird, lässt das nichts Gutes erahnen.

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