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Castor-Transport Castoren vor letzter Etappe nach Gorleben

Seit dem frühen Morgen werden die Castor-Behälter in Dannenberg für die letzte Etappe nach Gorleben verladen. Dort wartet eine erneute Sitzblockade, unter den Demonstranten wächst die Kritik am Vorgehen der Polizei.

28.11.2011 09:38
Felix Helbig
Eine Fahne mit der Aufschrift "Atomkraft? Nein danke" weht während der Räumung einer Sitzblockade über den Köpfen der Demonstranten. Foto: dapd

Es sind wieder Hunderte, die der Kälte getrotzt haben und den zwischenzeitlichen Regenschauern. Als der Morgen am Montag langsam graut, sitzen sie noch immer an der Landstraße zwischen Dannenberg und Gorleben, bereit für den letzten Widerstand gegen den Castor. "Wahrscheinlich kommen sie dann und schleifen uns von der Straße", sagt eine junge Demonstrantin am Ortseingang von Gorleben. "Oder sie reiten gleich mit ihren Pferden in die Menge.

"Die junge Frau trifft ziemlich genau die Stimmung unter den Aktivisten, nach drei Tagen des ununterbrochenen Widerstands sind sie erschöpft, vor allem aber erbost. Der 13. und letzte Castor-Transport von La Hague nach Gorleben hat schon jetzt länger als jeder andere der Geschichte gedauert, er hat trotz des Atomausstiegs im Frühjahr wieder die Massen mobilisiert. Vor allem aber, da sind sich die Demonstranten sehr einig, hat er eine bisher nicht gekannte Strategie der Polizei offenbart.

Auf den letzten Kilometern nach Dannenberg hatten Aktivisten und Polizei noch einmal Katz und Maus gespielt. Die Schienenstrecke führt ab Lüneburg eingleisig durch Wälder und über Wiesen, es sind auf diesem Abschnitt vor allem die Bauern, die den Widerstand anführen. Am Sonntag ketten sich einige von ihnen bei Hitzacker an die Gleise und können von der Polizei trotz schwerer technischer Geräte nicht befreit werden, erst nach 14 Stunden geben sie auf. Dazwischen gibt es immer wieder Betonpyramiden und Sitzblockaden auf den Gleisen und umgekippte Traktoranhänger auf den Landstraßen. Am Sonntagnachmittag wird ein Bauer festgenommen. Er hat seinen Traktor auf der Fahrbahn stehen lassen.

Polizei setzt auf Abschreckung

Die meisten Aktionen enden friedlich, zwischendurch aber häufen sich die Berichte über große Härte, mit der Polizei immer wieder auftritt. In Dahlenburg geht eine Reiterstaffel am Sonntagnachmittag gegen Demonstranten vor, mehrere Personen werden von den Pferden niedergetrampelt. Dass es dabei nicht zu schweren Verletzungen gekommen sei, könne man als ein Wunder bezeichnen, heißt es bei der Kampagne "Castor? Schottern!". Die Polizei äußert sich nicht zu dem Vorfall.

In Breese attackieren Beamte in voller Montur beim Einsatz gegen einige gewalttätige Aktivisten eine Sambakapelle, die friedlich musiziert hatte. Auch hier gibt es Blessuren. Auch hierzu äußert sich die Einsatzleitung der Polizeidirektion Lüneburg, die in Dannenberg eigens eine Außenstelle eingerichtet hat, nicht. Sollte es zu Vorfällen gekommen sein, so müssten diese als Einzelfälle betrachtet werden im ansonsten durchweg besonnen Vorgehen der Einsatzkräfte, heißt es. Unter den Castor-Gegnern seien zudem auch etliche gewaltbereite Störer dabei, sagt ein Polizeisprecher. Vor allem Metzingen habe sich deshalb zum dauerhaften Krisenherd entwickelt an diesem Wochenende.

Offensichtlich ist, dass die Polizei einen enormen Aufwand betreibt und dabei eindeutig auf Abschreckung setzt. Mehr als 19000 Beamte hat die Einsatzleitung aus dem gesamten Bundesgebiet zusammengezogen. Präsenz zeigen sie an jeder Straßenkreuzung, an jedem Waldweg, an jedem Kreisel. Oft sind zentrale Punkte auch in der Nacht taghell erleuchtet, stehen Wasserwerfer und Mannschaftswagen an der Landstraße bereit. Und kommen immer wieder auch zum Einsatz.

Genau das aber erzürnt die Aktivisten. Wegen einiger Steinewerfer mit Hundertschaften, Wasserwerfern und Räumpanzern in ein Camp einzudringen, wie am Freitagabend in Metzingen, sei unverhältnismäßig, heißt es etwa bei der Anti-AKW-Organisation xtausendmalquer. Das gelte auch für den Freiluftgewahrsam, in dem die Polizei am Sonntag bei Harlingen mehrere Hundert Aktivisten nach einer stundenlangen Schienenblockade eingepfercht hatte, ohne Decken in der Kälte. Sie seien nicht einmal einem Richter vorgeführt worden. Die gesamte Aktion sei deshalb nicht nur unverhältnismäßig sondern auch rechtswidrig.

Ausdruck des zivilen Ungehorsams

In die Debatte schaltet sich am Sonntag auch Grünen-Vorsitzende Claudia Roth ein, ehe sie sich selbst zur Straßenblockade in Gorleben auf den Weg macht. Es sei inakzeptabel, wenn "der Staat sein Visier runterklappt" und die Menschen mit Wasserwerfern und Schlagstöcken traktiere, sagte Roth auf dem Bundesparteitag der Grünen in Kiel. Die Demonstrationen gegen den Atommülltransport seien legitim und "Ausdruck des zivilen Ungehorsams". Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, Stefan Müller, nannte Roths Äußerungen "politische Brandstifterei erster Klasse".

Überstanden ist die angespannte Lage auch am Montagmorgen noch lange nicht. Die Bäuerliche Notgemeinschaft organisiert immer wieder Blockaden, um die Nachschubwege der Polizei abzuschneiden. Während am Verladekran in Dannenberg die ersten Castoren auf Lastwagen gehoben werden, wächst die Sitzblockade am Ortseingang von Gorleben. Auch die Polizei zeigt hier wieder massive Präsenz.

Dauern kann es dennoch eine ganze Weile, bis die Behälter mit dem strahlenden Atommüll endgültig ihr Ziel erreichen. Bis zum Nachmittag wird es dauern, bis die Castoren umgeladen sind, dann gehen sie auf den umkämpften letzten Abschnitt. Die Demonstranten in Gorleben wollen sitzen bleiben. Notfalls, bis sie von der Straße geschleift werden.

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