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Bundeswehr Bundeswehr auf Identitätssuche

Die Bundeswehr diskutiert angesichts ihrer zu vielen Skandale einen neuen Traditionserlass.

Bundeswehr
Die stete Nähe zur Scholle scheint der Bundeswehr zur Traditionsbildung nicht zu reichen. Foto: dpa

Die Bundeswehr trifft sich zu einer Debatte über ihre Traditionen und als erstes stehen alle auf und rufen laut: „Guten Morgen, Herr General!“ Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, hat den Raum betreten. Vor allem Männer sitzen dort im Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte, einige wenige Frauen auch, viele in Uniform, höhere Dienstgrade, einige Wissenschaftler auch. Sie sollen nachdenken über das Selbstverständnis der Bundeswehr, und herauskommen soll dabei ein neuer Traditionserlass für die Truppe. Der bisherige stammt aus dem Jahr 1982.

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat die Diskussion im Frühsommer angeordnet, nachdem Anschlagspläne eines rechtsextremen Soldaten aufgeflogen waren – und auch, dass seine Vorgesetzte die Gesinnung nicht zu stören schien. Die deutschen Kasernen wurden seitdem auf Nazi-Material durchkämmt. Und die Debatte um Kasernen mit zweifelhaften Namenspatronen ist auch wieder aufgeflammt. Die Ministerin wird für ihre Initiative in Teilen der Truppe, die sich zu Unrecht belehrt fühlt, massiv kritisiert. Zum Workshop verspätet sie sich, ein Termin bei der Kanzlerin ist dazwischengekommen, die gerade darüber nachdenkt, wie ihr nächstes Kabinett aussehen soll.

Als der Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte, Alexander Sollfrank, spricht, sitzt die Ministerin in der ersten Reihe. Sollfrank beginnt mit einer Beschwerde: Einmal mehr hätten sich die Soldaten rechtfertigen müssen gegenüber Vorwürfen, sie verdrängten oder verherrlichten die NS-Geschichte, sagt er. Die Bundeswehr sei „demokratisch gefestigt“. „Aber wir werden es auch künftig ertragen müssen, von den einen als Ewiggestrige kritisiert und von anderen als Sekundanten ihrer Weltanschauung herangezogen zu werden“, stellt Sollfrank fest. Hilflos fühle man sich da manchmal. Der General fordert mehr Verständnis der Gesellschaft für die Truppe. Dafür sei ein neuer Traditionserlass auch gut. „Soldaten müssen im äußersten Fall tun, was westliche Gesellschaften ablehnen“, sagt er. Auch der General Kai Rohrschneider beschreibt dieses Dilemma. Militärische Leistungen seien immer damit verbunden, Menschen zu töten. „Die Gesellschaft hört das nicht so gerne.“ Mehrere Bundeswehrvertreter erinnern daran, dass für Geschichtsstunden in der Soldatenausbildung nicht so viel Zeit sei.

Der Workshop zeigt deutlich die Bruchlinien der Debatten. Der Vize-Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Magnus Brechtken, fordert, die Bundeswehr müsse sich davon lösen, bei ihrer Selbstsuche „mit Verkrampftheit und Übereifer auf die Zeit vor 1945 zu blicken“. Ein junger Soldat im Publikum, gibt zurück, genauso wenig dürfe man sich „in Verkrampftheit und Übereifer auf die Zeit nach 1945“ konzentrieren.

Es geht viel um Vorbilder und Symbole, und dabei wird es auch ganz grundsätzlich. „Ich verstehe nicht, dass man Vorbilder braucht“, sagt der Militärhistoriker Stig Förster. „Kann man das nicht etwas niedriger hängen?“

Einen Ethikkodex für die Bundeswehr

General Rohrschneider sagt: „Soldaten suchen Vorbilder aus dem Kampf.“ Es habe außerdem einen Grund, dass Soldaten im Auslandseinsatz zum Beispiel Fahnen mit Totenköpfen bastelten. Was irritierend wirke, sei keine Referenz an die Symbole der Waffen-SS, sondern eher eine Art Glücksbringer. „Es ist der archaische Wunsch, das nächste Gefecht zu bestehen.“

Förster bietet einen Kompromiss an: Es sollten dann wenigstens nicht nur Vorbilder in Personen und Ereignissen der deutschen Militärgeschichte gesucht werden. Eine Internationalisierung sei doch sinnvoll. Und weibliche Vorbilder gebe es im Übrigen auch nicht in der Bundeswehr.

Der Historiker Michael Wolffsohn, der lang an der Münchner Bundeswehr-Universität gelehrt hat, regt schließlich an, neben dem Traditionserlass auch noch einen Ethikkodex für die Bundeswehr zu formulieren. Darin sollte klar gemacht werden, dass „das militärisch Vernünftige politischer Selbstmord sein kann“. Und dann stellt Wolffsohn noch diese Frage: „Kann man Tradition überhaupt erlassen?“

(Anm. d. Red. In einer ersten Version des Textes hatten wir den Namen des Kommandeurs des Kommandos Spezialkräfte falsch geschrieben. Wir bitten dies zu entschuldigen.) 

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