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Vor-Wahl-Serie „Vieles ist nicht richtig - so wie es läuft“

Dem Studenten Adrian Jedlitschka fehlen der Idealismus und der Anstand in der deutschen Politik. Wählen muss aber trotzdem sein, findet er. Folge 7 der FR-Serie.

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Die Frankfurter Rundschau hat Wählerinnen und Wähler in ganz Deutschland angerufen, um zu erfahren, was sie von der Politik erwarten – und was sie von ihr halten. Foto: Imago

Adrian Jedlitschka ist 20 Jahre alt, kommt aus der Nähe von Aschaffenburg und studiert in Siegen Soziale Arbeit, derzeit im dritten Semester. Vorher war er ein Jahr lang im Rahmen des Freiwilligendienstes für die Welthungerhilfe in Uganda. Er könnte sich gut vorstellen, auch beruflich „etwas Internationales zu machen“, vielleicht in der Flüchtlingshilfe oder auch im Ausland.

Zur Wahl geht Jedlitschka nicht nur, „weil ich immer gelernt habe, dass das etwas Wichtiges ist“. Sondern auch, „weil ich die Möglichkeit dazu habe, während in anderen Ländern Leute dafür auf die Straße gehen und zum Teil sogar ihr Leben verlieren. Vom Wahlrecht Gebrauch zu machen, bedeutet auch Wertschätzung für diese Leute.“

Was seine politischen Wünsche und Forderungen betrifft, fühlt sich der Student „sehr geprägt durch die Erfahrungen, die ich in Uganda gemacht habe“. Er sei Menschen in „sehr ärmlichen Verhältnissen, in bitteren oder sogar aussichtslosen Situationen“ begegnet. „Es gab Menschen, die an einer Lungenentzündung gestorben sind, weil sie kein Geld für die medizinische Versorgung hatten.“

„Das beschäftigt mich noch heute und es wird meine Wahlentscheidung beeinflussen.“ Allerdings wohl nicht gerade positiv: „Ich höre davon hier so gut wie gar nichts.“ Themen wie globale Gerechtigkeit „werden immer nur dann angesprochen, wenn es darum geht, dass die Leute nicht zu uns kommen sollen“. Also darum, „Menschen abzuwehren“.

Heißt das nicht, dass sich der Erstwähler für gar keine Partei entscheiden kann? „Genau. Aber ich habe immer noch Vertrauen in das demokratische System, und ich glaube, dass Parteien beweglich sind. Wenn man sich engagiert, auch in den Parteien, kann man auch an den Programmen etwas ändern. Politik ist nicht unveränderbar.“

Zweifel an Privilegien

Das Erste, was Adrian Jedlitschka fordern würde, wäre: „Die Arbeit mit Flüchtlingen verbessern, die Grenzen weiter öffnen, Menschen den Weg nach Europa zu öffnen, ohne dass sie in ein Boot steigen müssen.“

Und für sich selbst hat der Student keine Wünsche an die Politik? „Ich bin ein weißer, heterosexueller Mann und ich gehöre zu den Privilegiertesten, die es auf der ganzen Welt gibt.“ Insofern sei es für ihn „schwierig, etwas zu finden, das mich in diesem Sinn persönlich belastet. Aber mir fällt halt auf, dass vieles nicht richtig ist – so wie es läuft.“

„Ich weiß nie, ob ich auf das vertrauen soll, was jemand im Wahlkampf sagt“, fügt der 20-Jährige hinzu. „Und wenn mir bestimmte Themen schon im Wahlkampf zu kurz kommen, dann weiß ich erst recht nicht, was nach der Wahl übrig bleibt.“

Engagement ist wichtiger

Allerdings glaubt Jedlitschka, „dass einer wie Martin Schulz tatsächlich ein Potenzial hat, auch wenn ich vieles, was er sagt, falsch finde“. Er hätte die Chance, „Leute abzuschöpfen, die sonst AfD wählen würden, zum Beispiel in der Arbeiterschicht. Ich weiß nur nicht, ob das für mich ein Grund ist, SPD zu wählen“. Die Entscheidung werde sicher kurzfristig fallen.

Allerdings: „Ich glaube, dass es mit dem Wählen nicht getan ist. Ich mache mein Kreuz und ich sollte das sicher auch wohlüberlegt tun. Aber ich sollte auch die Wirkung nicht überschätzen.“

„Wesentlich wichtiger“, sagt der Student, sei „soziales Engagement in Eine-Welt-Läden, in Flüchtlingsinitiativen, bei der Unterstützung von Obdachlosen oder in Organisationen, die sich zum Beispiel für Visafreiheit mit Afrika einsetzen. Oder auch auf eine Demonstration zu gehen“. Viele Entscheidungen der vergangenen Jahre seien ja erst durch öffentlichen Druck zustande gekommen, „zum Beispiel der Atomausstieg oder jetzt die Ehe für alle“. Engagement, so das Fazit, sei „viel effektiver als eine Wahl“.

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