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FR-Serie Vor-Wahl „Vieles lodert bei den Leuten“

Simone Haselbach findet Wählen ganz selbstverständlich - aber ohne Protest geht es für sie auch nicht. Folge 19 der FR-Serie Vor-Wahl.

Simon Haselbach
Simone Haselbach aus Hamburg. Foto: privat

Simone Haselbach ist 46 Jahre alt und lebt mit ihren beiden Söhnen in Hamburg. Der ältere ist zwölf und geht auf ein Gymnasium, der jüngere, fünf Jahre alt, in den Kindergarten. Die alleinerziehende Mutter, die in Hessen geboren ist, arbeitet 30 Stunden pro Woche in der Buchhaltung eines Hamburger Fußballvereins.

Zur Wahl geht Simone Haselbach „selbstverständlich immer“. Schon, „weil man wiederholt darauf hingewiesen wird“. Aber auch, „weil ich das Gefühl habe, so weit informiert zu sein, dass ich meine Stimme gut begründet abgeben kann“.

Die größte Rolle bei der Wahlentscheidung spielen zum einen Fragen wie der Mindestlohn und zum andern „alles, was die Familienpolitik betrifft“. Zum Mindestlohn ist die Position der Hamburgerin klar: 8,85 Euro, „das reicht nicht“.

Vor allem die Familienpolitik „beeinflusst mich schon“, sagt die zweifache Mutter: „Wie hoch oder niedrig das Kindergeld ist oder die Kitagebühren und was die Parteien dazu sagen, davon hängt meine Wahlentscheidung stark ab.“

Eine politische Entscheidung gibt es, die die 46-Jährige „Weltklasse“ fand: „Der Unterhaltsvorschuss wird bis zum 18. Lebensjahr des Kindes verlängert.“ Das entsprechende Gesetz trat bundesweit zum 1. Juli in Kraft – ein „richtig toller Fortschritt“ für alle Frauen, deren Ex-Partner nicht zahlen können oder wollen.

Was erwartet Simone Haselbach sonst noch von der Politik? „Nehmen wir mal die Mehrverdiener, die viel zu wenig mit Steuern belastet werden. Die Reichen geben ja überhaupt nichts ab, sie tun höchstens so.“ Sie finde es zum Beispiel „super, dass die Flüchtlinge gekommen sind, auch von Angela Merkel, Türen auf und so. Auch wie sie das durchgehalten hat. Aber es reicht nicht, wenn alle mal einen Kleidersack abgeben. Keiner sorgt dafür, dass wirklich genug Geld da ist. Niemand will von seinem Lebensstandard runter. Deshalb müssen die Steuern rauf für die Reichen.“

A propos Lebensstandard: „Ich habe zum Beispiel mein Auto verkauft, weil es Schwachsinn war. Einerseits für mich, weil ich hier in Altona praktisch nur noch falsch parken konnte. Und andererseits für die Umwelt.“ Jetzt nutzt Simone Haselbach das Carsharing, wenn sie den älteren Sohn mal zum Fußball bringen muss.

Insgesamt sieht sich die 46-Jährige aber „eher als Einzelkämpferin, und ich habe damit viel erreicht – ich denke, wir sind auch als Einzelne dafür verantwortlich, dass sich etwas tut“. Übermäßiges Vertrauen in die Politik hat sie ohnehin nicht: „Ich glaube vieles nicht, was da erzählt wird.“ Wenn sie im Fernsehen Sendungen sieht wie das „Duell“ zwischen Angela Merkel und Martin Schulz, spielt eher das Auftreten eine Rolle: „Ich würde die Merkel nie wählen, aber ich finde, sie hat klar besser abgeschnitten.“ Und Schulz? „Unmöglich. Der war überhaupt nicht greifbar für mich, dieser Mensch. Da fand ich Merkel um Klassen sympathischer und entscheidungsfreudiger.“

An der Stimmabgabe ändert das allerdings nichts: „Ich wähle auf jeden Fall links.“

Lässt sich durch Wahlen genug Einfluss ausüben? „Nein, nicht wirklich.“ Gelegentlich nimmt die Hamburgerin deshalb an Demonstrationen teil, „zum Beispiel bei G20. Das war hier direkt vor der Haustür, da wurde ich so richtig mitgezogen.“ Aber ob das Protestieren wirklich hilft? „Bei G20 hat es überhaupt nichts gebracht. Vielleicht hätte man früher anfangen sollen. Als die Demos losgingen, war längst alles inszeniert. Da wäre noch nicht mal jemand in die Nähe der Politiker gekommen, der sie hätte begrüßen wollen. Wenn es den gegeben hätte.“

Trotz allem hat Simone Haselbach „das Gefühl, dass vieles lodert bei den Leuten und dass das irgendwann stärker durchbricht“. Und wenn der Protest wächst, „dann wirkt es vielleicht auch“.

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