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FR-Serie Vor-Wahl „Die Spaltung kann man mit Geld allein nicht bekämpfen“

Holger Spies wünscht sich von den Parteien echte Lösungsvorschläge. Folge 22 der FR-Serie.

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Die Frankfurter Rundschau hat Wählerinnen und Wähler in ganz Deutschland angerufen, um zu erfahren, was sie von der Politik erwarten – und was sie von ihr halten. Foto: Imago

Holger Spies ist 48 Jahre alt und Betriebswirt. Er lebt in Frankfurt, wo er als Beamter arbeitet.

Wählen zu gehen, sagt Spies, sei „das Mindestmaß an politischer Beteiligung, das ich leisten will“. Eigentlich habe er „das Gefühl, man müsste sich in einer Partei engagieren. Aber da steht mir meine Bequemlichkeit im Wege. Ich sitze lieber im Café als beim SPD-Ortsverein.“ War es Zufall, dass er „SPD-Ortsverein“ gesagt hat? „Nein. Das wäre die Partei, der ich mich anschließen würde, wenn ich nicht zu träge wäre.“ Es sei problematisch, dass sich zwar viele Menschen engagierten, aber immer weniger in Parteien. „Das heißt nämlich, dass jeder nur noch für seine persönlichen Interessen kämpft.“

So werde im Frankfurter Nordend, wo er selbst wohnt, „dafür gesorgt, dass Altglascontainer in den Erdboden versenkt werden, weil dem kultivierten Bewohner des Viertels ein sichtbarer Container nicht zuzumuten ist“, erzählt der 48-Jährige. „Und anderswo in der Stadt fallen in den Schulen die Waschbecken von der Wand.“ Oder Stuttgart 21: „Der Bahnhof ist unsinnig, klar. Aber der Protest hat sich vor allem aus Privatinteressen gespeist. Sonst wäre diese Mobilisierung gar nicht möglich gewesen.“

Insgesamt bedeute das: „Diejenigen, die nicht so gute Möglichkeiten haben, ihr Stadtteilparlament mit Eingaben zu überziehen, geraten mit ihren Interessen unter die Räder. Da müssten die Parteien für Ausgleich sorgen.“

Was wünscht sich der Beamte selbst von der Politik? „Ich bin gut versorgt. Aber ich nehme natürlich wahr, dass das für viele nicht gilt. Wenn es nach meinen höchstpersönlichen Interessen ginge, wäre vielleicht die CDU für mich die bessere Partei. Aber ich habe eine andere Vorstellung von Gesellschaft.“

Gibt es Politiker, die mit dieser Vorstellung übereinstimmen? Ja, sagt der Frankfurter. „Das geht teilweise bis weit in die CDU hinein.“ Nur sei es meistens so, „dass sie die Mittel nicht sehen, wie man etwas ändern kann. Und ich gebe zu: Ich sehe sie auch nicht.“

Beispiel Wohnen: „Dass es Gentrifizierung und Verdrängung gibt, haben nicht nur die Linke und die SPD erkannt, sondern auch viele in der CDU.“ Allerdings gebe es dort „auch solche, die sagen, dass der Markt das regelt. Aber die Regelung, die der Markt findet, gefällt mir nicht.“ Und doch fällt Holger Spies als Positivbeispiel ausgerechnet ein Christdemokrat aus dem Ortsbeirat im wohlhabenden Westend ein: „Der setzt sich mit am stärksten gegen Verdrängung ein.“ „Gesellschaftliche Spaltung“ sieht Spies auch in der Bildung. „Mein Vater war Maurer, meine Mutter hat ein bisschen was dazuverdient. Ich habe davon profitiert, dass seit den siebziger Jahren auch jemand aus meinen sozialen Verhältnissen ins Gymnasium gehen konnte.“ Heute sei gute Bildung im Prinzip für alle möglich. „Und trotzdem gibt es eine Spaltung, die man wohl mit Geld allein nicht bekämpfen kann.“

Das sei übrigens „ein Problem der Linken: dass sie immer glaubt, man müsste nur ein bisschen mehr Geld ins System geben“. Es gehe um Strukturen, aber auch um „so etwas wie Aufstiegsorientierung, also dass es die Kinder mal besser haben sollen. Das gab es in meiner Familie, und ich glaube, es fehlt heute oft. Aber wie man das ändert, weiß ich auch nicht.“

Bietet die Politik zumindest alternative Entwürfe an? „Ich glaube, die großen Parteien sind sich schon sehr ähnlich.“ Angela Merkel habe „so gut wie gar keinen Wahlkampf geführt“ und bei Martin Schulz habe man „das Gefühl, er muss sich die Punkte, wo er angreift, mühsam zusammensuchen“. Es gebe eben einfach „riesige Schnittmengen zwischen den Wählerspektren, die die beiden erreichen wollen“.

Sollte es also streitiger zugehen? „Einerseits schon, aber klare politische Alternativen gibt es eben nur dann, wenn es auch klare inhaltliche Alternativen gibt. Wenn Merkel heute plakatieren lässt ,Ein Land, in dem wir gut und gerne leben‘ – dann will die SPD das auch. Und ich will es auch.“

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