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Bundestagswahl „Es zählen nur noch Wachstum und Profit“

Ralf Jobmann geht zwar wählen, glaubt aber nicht, dass das etwas ändert - Folge 5 der Serie.

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Die Frankfurter Rundschau hat Wählerinnen und Wähler in ganz Deutschland angerufen, um zu erfahren, was sie von der Politik erwarten – und was sie von ihr halten. Foto: Imago

Ralf Jobmann, 57, hat eine Ausbildung als Maschinenbau-Techniker. Seit 22 Jahren arbeitet er aber als pädagogischer Mitarbeiter bei der „Lebenshilfe“ mit geistig und körperlich Behinderten. Er lebt in Belecke, einem ländlichen Ortsteil von Warstein in Westfalen, und hat drei Kinder sowie vier Enkel.

Auf die Frage nach den wichtigsten Themen kommt die Antwort ohne Zögern. „Was ich bei sämtlichen Parteien absolut vermisse, ist eine klare Positionierung: alles für den sozialen Bereich. Bei der Arbeit, die ich mache, hapert alles am Geld. Mit immer weniger Personal sollen immer größere Aufgaben erledigt werden. Wir haben alle das Gefühl, in den nächsten Jahren ganz kräftig vor die Wand zu fahren.“

Auch der mittlere Sohn, 27 Jahre alt, arbeitet im sozialen Bereich, er ist Heilerziehungspfleger. „Der hat Kolleginnen mit 700 Überstunden. Das beschäftigt einen jeden Tag, und von der Politik ist man vollkommen enttäuscht. Von Inklusion wird viel geredet, aber dafür braucht man ein großes Mitarbeiter-Potenzial, und am Ende scheitert es an der Finanzierung.“

Wenn „keine Partei“ sich kümmert – wen soll man dann wählen? „Das ist in diesem Jahr ganz schwierig für mich. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Wahl ausgelassen, außer einer, da war ich krank, und das war eine Kommunalwahl, glaube ich. Jetzt bin ich zum ersten Mal hin- und hergerissen.“ Es gebe „keine Partei, von der ich sagen würde: Die vertritt zu 100 Prozent meine Bedürfnisse. Ich war mal eingefleischter SPD-Wähler, aber nach der Aktion Schröder hatte sich das erledigt. Eine Partei wie die AfD ist für mich allerdings auch keine Alternative.“

Gibt es nicht wenigstens einzelne Politiker, denen der 57-Jährige traut? „Schwer. Ich denke immer, es hat auch etwas mit dem Alter zu tun. Früher ist man ja viel euphorischer an solche Dinge gegangen, man hatte noch das Gefühl: Dem kann ich glauben.“ Überhaupt seien Politiker „zwar diejenigen, die vorne stehen. Aber ich bin überzeugt: Die Fäden ziehen andere, und die haben eine wahnsinnige Macht.“

Wer? „Wenn ich gerade die wirtschaftliche Seite sehe … Es zählen nur noch Wachstum und Profit. Alles andere leidet darunter. Vielleicht wäre sogar vieles verständlicher, wenn die Politik offener wäre. Und ehrlicher. Ich habe immer das Gefühl, als wenn mir etwas verheimlicht wird.“

Jobmann nennt ein Beispiel für seinen Frust: „Da gehen 100 Millionen nach Mossul, und das ist auch völlig in Ordnung. Aber ich bin begeisterter Motorradfahrer; im Umkreis von 50 Kilometern kenne ich jede Straße. Und manchmal, wenn wir unterwegs sind, sage ich zu meiner Frau: Guck mal, auf diesem Teer sind wir schon vor 35 Jahren gefahren.“

Auf Demos Dampf ablassen

An die Politik geht der Vorwurf: „Entweder man sieht so etwas nicht, oder man will es nicht sehen. Warum wartet man, bis alle Brücken kaputt sind, und erst wenn sie am Zusammenbrechen sind, macht man etwas?“ Jobmann betont noch einmal: „Das spricht nicht gegen Hilfe für Mossul, aber da passt doch etwas nicht. Und Geld wäre genug da, davon bin ich überzeugt.“

Bedeutet das, dass Ralf Jobmann als Bürger sich machtlos fühlt? „Überwiegend schon. Zum Beispiel Demos: Ich sehe das mittlerweile so, dass das Volk da Dampf ablassen kann, aber ändern tut sich nichts.“

Wählen, sagt der Pädagoge, werde er trotzdem. Aber Merkel oder Schulz, ist das für ihn eine echte Alternative? „Ich glaube nicht, dass es von Personen abhängt, wie es weitergeht. Ich habe eher das Gefühl, dass vieles nicht mehr geändert werden kann. China, Russland, USA, auch Europa: Die spielen alle mit, es gibt so viele Einflüsse, da können einzelne Politiker kaum noch etwas ändern.“

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