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FR-Themencheck Wie die Parteien die Landwirtschaft voranbringen wollen

Die deutsche Landwirtschaft steht vor einem Berg von Problemen, die bislang häufig negiert statt angepackt werden.

Wahl
Der FR-Themencheck: Wir vergleichen die Positionen der Parteien zu den wichtigsten Themen.

Mitten in der Ernte und kurz vor der Bundestagswahl reagiert der Deutsche Bauernverband auf den Biodiversitätsverlust, den Schwund von Insekten und Feldvögeln in der Agrar-Landschaft. Doch wie oft, wenn der Druck auf die Standesorganisation groß wird, wirkt der Verband beleidigt. Wie könne denn die Nation ausgerechnet jetzt über das aus Sicht der Organisation wenig bewiesene Insektensterben orakeln, wenn doch die Nerven der Bauern wegen des Dauerregens blank lägen?

Statt, so Generalsekretär Bernhard Krüsken in der aktuellen Ausgabe der Deutsche Bauern Korrespondenz, „reflexhaft“ den Landwirten die „Verantwortung für alle Probleme dieser Welt zuzuweisen“, solle man doch mal nachsehen, wie der Verband mit seinen Projekten wie die „Lebendigen Agrarlandschaften“ Vorbildliches leiste. Stattdessen sei der Fachbegriff Pestizide zum laut Krüsken „Kampfbegriff“ mutiert, und die Datenbasis, die den Beweis für den „verheerenden“ Rückgang der Insekten liefern sollte, sei „unübersehbar“ dünn. Bauernpräsident Joachim Rukwied bietet gerade noch an, die „umweltpolitischen Herausforderungen der Landwirtschaft mit Augenmaß“ anzugehen. Doch auch er ignoriert die Rolle der chemiebasierten Landwirtschaft und macht den Siedlungs- sowie Straßenbau als Hauptübel für den, wenn es ihn geben sollte, Verlust der Artenvielfalt aus.

Die Funktionäre werden nervös. Sie sind Kampagnen leid wie jene, die unter dem Titel „Wir haben es satt“ vor der Wahl gegen Tierfabriken, Landraub und Konzernmacht durch die Republik touren. Aber Bauernlobbyisten und die hinter ihr stehende Agrarindustrie tun wenig, um solchen Vorwürfen die Grundlagen zu entziehen. So handelt es sich bei den Lebendigen Landschaften zwar um ein interessantes, aber allenfalls nadelstichartig, keinesfalls aber in die Fläche wirkendes Bündel von Projekten, die der Verband auch im Wesentlichen nicht selbst betreibt, sondern lediglich koordiniert.

Tatsächlich steht die Landwirtschaft steht vor einem Berg von Problemen: Die Massentierhaltung wird ihr um die Ohren gehauen. Skandal reiht sich an Skandal, ob Eier, ob Fleisch, auch Öko ist keinesfalls frei davon, zumal gerade dort manches Problem gerne kaschiert wird. Die chemische Keule wird zusehends stumpf, weil Resistenzen das Einsatzspektrum begrenzen. Umweltverbände und auch einige Parteien wollen das Subventionssystem umkrempeln, weg von der Gießkanne hin zu einer Verteilung, die sich an Natur- und Verbraucherinteressen orientiert. Obendrein entpuppt sich das Greening, mit dem die EU den Artenverlust begrenzen wollte, als Schlag ins Wasser, unter anderem, weil Bauernorganisationen das Düngen und Spritzen in damit falsch bezeichneten ökologischen Vorrangflächen durchsetzen konnten.

Die Debatte um die Gefährlichkeit des Totalherbizids Glyphosat hat zwar punktuell Nachdenklichkeit ausgelöst, aber unter dem Strich auch eher Trotz statt Einsicht bewirkt – und eine Bundesregierung entzweit, da die einen, die SPD, das Verbot des Gifts verlangt, während die anderen, die Union, die Behauptungen zur Gefährlichkeit als „Panikmache“ abtut.

Derweil ist das nächste Problemfeld endlich in den Fokus gerückt: Denn das Bienensterben von 2008 im Oberrheintal war, anders als es die Funktionäre und die Industrie gerne Glauben machen wollen, kein Ausrutscher, sondern Alarmsignal eines schleichenden und allmählich nicht mehr weg zu diskutierenden generellen Desasters beim Umgang mit der Chemie auf dem Acker. Besonders problematisch sind dabei die seit mehr als 20 Jahren auf dem Markt befindlichen Neonikotinoide. Immer mehr internationale Wissenschaftler finden Belege für den fatalen Zusammenhang zwischen Insekten- sowie Vogelschwund und dieser Stoffklasse.

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