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Spitzenkandidatin Alice Weidel will die AfD an die Macht bringen

Die ehrgeizige AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel will ihre Partei professionalisieren und bis 2021 regierungsfähig machen.

Alice Weidel
Bespielt virtuos die rechtspopulistische Klaviatur der Angst: Alice Weidel vor wenigen Tagen in Jena. Foto: dpa

Ha, da ist das Wort wieder. „Ha“, die Rednerin stößt es geradezu hervor, es peitscht durch die Lautsprecher. Alice Weidel  verwendet es gern in ihren Reden, auch an diesem Abend in Jena. Es soll Aufmerksamkeit wecken. Es drückt Verachtung aus.

„Ha“, kurze Pause,  „das erste, was wir im Bundestag tun werden, ist einen Untersuchungsausschuss Angela Merkel zu initiieren, der sich ganz dezidiert mit den ganzen Rechtsbrüchen dieser Bundeskanzlerin auseinandersetzt.“ Weidel moduliert  jetzt im Stakkato. „Sie. Hat. Europa. Gespalten.“ Mit schneidend scharfer Stimme geht sie mit der etablierten Politik ins Gericht, wirbt um Zustimmung für ihre Partei, die eine so beispiellose Erfolgsgeschichte hinter sich hat und bald wohl auch im Bundestag sitzen wird.

Die Spitzenkandidatin der Alternative für Deutschland hat an diesem kühlen Herbstabend auf sich warten lassen. Es ist kurz vor sieben, sie hätte längst da sein sollen. Auf dem Jenaer Holzmarkt haben sich kaum mehr als 250 Anhänger eingefunden. Es ist kein Heimspiel, Jena hat eine starke linke Szene, mehr als 1000 Gegendemonstranten protestieren lautstark, die Polizei hat die Innenstadt abgeriegelt.

Die AfD steht hier in Thüringen sehr weit rechts, gegen ihren Vorsitzenden Björn Höcke läuft ein Ausschlussverfahren. Der Brandredner ist nicht erschienen, er macht heute lieber in Magdeburg Wahlkampf, mit Alexander Gauland, dem zweiten Spitzenkandidaten. Alice Weidel, das ist bekannt, hat Höckes Rausschmiss befürwortet. Aber sie hat auch gemeinsame Auftritte nicht ausgeschlossen. Am Ende kommt es nicht dazu.

Nicht viele Auftritte mit Gauland

Es ist eine andere AfD-Anhängerschaft, mit der Weidel es hier, im Osten Deutschlands, zu tun hat als im Südwesten, in Baden-Württemberg, wo ihre politische Heimat liegt. Erst vor ein paar Tagen hat sie in einem Saal in der AfD-Hochburg Pforzheim einem riesigen, eher bürgerlichen Publikum die Seele massiert. Es war der erste gemeinsame Auftritt mit Gauland im Wahlkampf, viele gibt es davon nicht.

In Jena spricht Weidel als letzte, nach der lokalen Parteiprominenz. Sie wirkt abgehoben, ihr Habitus will nicht recht zu denen passen, die auf dem Platz stehen. Es sind meist ältere Männer, sie sind keine Professoren oder mittelständischen Unternehmer, ein paar Thügida-Anhänger grölen rechtsextreme Parolen. Weidel, eine große schlanke Frau mit dunkler Intellektuellenbrille, ist stets klassisch gekleidet, heute trägt sie eine dunkle Daunenjacke, einen grauen Schal und Jeans, dazu modische Turnschuhe, die Haare sind wie immer streng zurückgebunden.

Ihre Auslassungen zur Eurorettungspolitik interessieren hier nicht jeden. „Die gehört doch auch zu den Bankern“, murmelt ein älterer Mann. „Sei still“, zischt eine Frau neben ihm. Wenn es aber darum geht, dass bald niemand mehr Geld hat auf dem Konto wegen der Nullzinspolitik, dann ist Weidel der Applaus sicher. Das Stichwort Merkel und ihre „Rechtsbrüche“ ist ohnehin ein Selbstläufer.

Es ist die Sorge um diese „Rechtsbrüche“, die sie angetrieben haben, in die Politik zu gehen, sagt Alice Weidel auch im Gespräch. Es findet im gutbürgerlichen Gasthaus zum Roten Hirsch statt. Weidel hat keine Lust auf ein weiteres Interview, der Krach draußen strengt an, sie ist entnervt und unwirsch. Wahlkampf macht aber auch Spaß, versichert sie dann, und wenn man ihr in diesen Tagen durch die Republik folgt, dann glaubt man das sogar. Da findet eine ihre große Rolle.

Im Gespräch wird sie sachlicher, konzentriert, redet wieder über ihr Lieblingsthema, den Euro. Weidel ist die Finanzexpertin der AfD, damit hat sie sich profiliert, darauf ist sie stolz. Was will sie in einer Partei mit einem dumpfen völkischen Flügel wie hier in Thüringen? Sie zögert, spricht dann über die „Werdungsprozesse“ in allen jungen Parteien, Ende der Diskussion. „Die Basis unseres politischen Arbeitens ist unser Programm und unser Wahlprogramm, an dem ich maßgeblich mitgearbeitet habe“, sagt sie noch. Und dass es keinen Politiker gebe, der zu hundert Prozent hinter seinem Parteiprogramm stehe.

„Es gibt immer Punkte, bei denen nachgebessert werden muss.“ Zum Beispiel? Sie nennt die  Vereinbarkeit von Familie und Beruf, da habe die Partei relevante Fragen bisher nicht beantwortet, das Wählerpotential gerade bei Frauen sei nicht ausgeschöpft. Alice Weidel, das ist klar, ist auch da, wo sie jetzt ist, um dieses Potential anzusprechen, sie hat Frauke Petry abgelöst als das „weibliche Gesicht“ der Partei. Sie steht ihr auch an Ehrgeiz nicht nach.

Weidel ist in einer Kleinstadt im Münsterland aufgewachsen, sie ist promovierte Ökonomin, hat in China gelebt, für internationale Unternehmen wie die Investmentbank Goldman Sachs gearbeitet. Und sie lebt mit einer Frau zusammen, ihre Partnerin ist eine Schweizer Filmproduzentin, die in Sri Lanka geboren wurde. Mit ihr zieht die 38-Jährige in Biel, im Schweizer Kanton Bern, zwei Söhne groß, ihren Hauptwohnsitz hat sie aber in Überlingen am Bodensee.

Ihr Privatleben sorgt immer wieder für Schlagzeilen, sie muss sich unangenehme Fragen stellen lassen, wo sie Steuern zahlt und ob sie illegal eine junge Syrerin im Haushalt beschäftigt hat, wie die Zeit berichtet. Und überhaupt, wie passt eine wie sie zu einer homophoben, globalisierungsfeindlichen Partei wie der AfD? Weidel mag solche Fragen nicht, sie zeigt dann Nerven, reagiert oft überheblich.

Das andere Gesicht der Alice Weidel

Es gibt aber längst auch das andere Gesicht der Alice Weidel. In ihren Auftritten bespielt sie virtuos die rechtspopulistische Klaviatur der Angst, beherrscht alle Tonlagen der Empörung. Es ist ein düsteres Bild von Deutschland, das sie zeichnet, es ist ein Land, das von Verbrechern regiert wird, das unter dem Ansturm illegaler Migranten vor dem Zusammenbruch steht, in dem Männer mit Messern tagtäglich Angriffe verüben. „Das muss man sich einmal vorstellen“, ruft sie dann gern, falls doch jemand Zweifel haben sollte. „So etwas“ habe es vor Merkel nicht gegeben.

Weidel ist 2013 in Baden-Württemberg in die AfD eingetreten, kurz nach deren Gründung, zuvor war sie in der Wahlalternative aktiv. Ihre politische Karriere kommt erst nicht so recht voran. 2015 wird sie in den Bundesvorstand gewählt, aber auch danach kennt sie kaum jemand. Das soll sich erst knapp zwei Jahre später ändern.

Es ist Ende April, in Köln versammeln sich die AfD-Delegierten zum Bundesparteitag. Der Tagungsort, das Hotel Maritim, ist eine von der Polizei abgeriegelte Hochsicherheitszone. Draußen wird  demonstriert, drinnen geht ein unerbittlicher Machtkampf in die vorerst letzte Runde. Frauke Petry, die die AfD stärker realpolitisch ausrichten will, wird gnadenlos demontiert, auch wenn sie nicht als Bundesvorsitzende zurücktritt. Nun schlägt die Stunde von Alice Weidel. Zusammen mit Alexander Gauland lässt sie sich zum Spitzenduo für den Wahlkampf küren, nachdem der vorher die Mehrheiten organisiert hat. Denn sie ist immer noch zu unbekannt, hat keinerlei Hausmacht. 

Erst nach der Wahl  – mit eher mageren 68 Prozent der Stimmen – ergreift Weidel zum ersten Mal das Wort, geht auch mit Gauland vor die Presse. Sie hat an diesem Auftritt lange gefeilt, das ist zu spüren, sie wirkt dennoch hölzern und angespannt. Es doziert eine Wirtschaftsexpertin, leicht herablassend. Aber da ist auch ein anderer Ton, ein rasierklingenscharfer, der einen frösteln lässt, wenn sie Sätze sagt wie „Die politische Korrektheit gehört auf den Müllhaufen der Geschichte.“

Manche glauben, dass das nur taktische Avancen seien, dass Weidel den Kontrapunkt setzen soll zu dem immer weiter nach rechts driftenden Nationalkonservativen aus Brandenburg. Sie sind ein ungleiches Paar, inszenieren aber bewusst von Anfang an traute  Harmonie, nach all den Intrigen und Schlammschlachten. Und auch ideologisch trennt sie weniger, als es auf den ersten Blick scheint. Das Verhältnis sei sehr gut, sagt Weidel.

Sie hat sich schon früher beinhart geäußert über Flüchtlinge, über den Islam, das ist nur aus Baden-Württemberg nicht herausgedrungen. Nach dem Verfassungsreferendum in der Türkei fordert sie, den Befürwortern Erdogans die deutsche Staatsbürgerschaft zu entziehen. Ein Versöhnungstreffen mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, lehnt sie ab, beschimpft ihn nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund als „Islamlobbyisten“ an, der sich nie glaubhaft von der „Steinzeitscharia“ distanziert habe. Hinterher wird sich herausstellen, dass wohl ein Deutschrusse die Tat begangen hat.

Auch als Spitzenkandidatin wettert Weidel gegen den Islam, sie will das  Kopftuch in der Öffentlichkeit verbieten, nennt Aydan Özoguz, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, einen „Schandfleck“ – und das, nachdem Gauland bei einem Auftritt gefordert hat, die SPD-Politikerin in Anatolien  „zu entsorgen“. Sogar den Begriff des „Schuldkults“, den sonst Rechtsextreme verwenden, hat Weidel schon benutzt. Die Zeitung „Welt am Sonntag“ hat kürzlich aus einer angeblichen Mail von ihr aus dem Jahr 2013 zitiert, in der sie den Regierenden vorwirft, dass sie durch eine Überschwemmung mit „kulturfremden Völkern wie Arabern, Sinti und Roma“ systematisch die bürgerliche Gesellschaft zerstörten. Eine Fälschung, sagt die AfD.  

Weidel ist professioneller geworden im Wahlkampf, sie redet freier, beherrscht die Kunst der inszenierten Provokation. Ostentativ verlässt sie eine politische Talkrunde im ZDF. Hinterher wird ihr vorgeworfen, den Abgang geplant zu haben. Im Gespräch in Jena bestreitet sie das noch einmal. Das Niveau der Sendung sei unverschämt und niveaulos gewesen, sagt sie, sie habe keinerlei  Erkenntnisgewinn gesehen. „Planen kann man so etwas nicht, denn das kann auch nach hinten losgehen.“

Wird das auch der Stil der neuen Fraktion im Bundestag? Weidel verneint das dezidiert. Man werde ernsthafte Oppositionspolitik betreiben und die Aufgabe wahrnehmen, die Regierung zu kontrollieren. „Alle Abgeordneten müssen sich in dieser ersten Legislaturperiode sehr schnell professionalisieren und in die Verwaltungsstrukturen einfinden, damit wir im Jahr 2021 regierungsfähig  werden.“ Das ist ein erstaunlicher Satz, den in der Partei eine Mehrheit derzeit nicht unterschreiben würde, auch Alexander Gauland wohl kaum. Er möchte gern mit ihr auch die Fraktion führen.

Alice Weidel bleibt dabei. „Wir wollen unser Programm durchsetzen“, sagt sie, auch im Parlament.   „Die AfD hat allein durch ihre Präsenz schon Einfluss auf den Diskurs genommen, und die anderen Parteien haben im Wahlkampf schon jetzt Positionen der AfD übernommen.“ Es liegt jetzt sehr jetzt viel Zufriedenheit in ihrer Stimme.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

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