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Satire-Partei „Die Partei“ holt sechs Prozent in Kreuzberg

Ausgerechnet in der Hauptstadt Berlin trumpft „Die Partei“ groß auf: Die Satiriker holen immerhin zwei Prozent der Zweitstimmen, im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg sogar sechs Prozent der Erststimmen.

24.09.2017 20:43
Satirepartei
Den Kanzler wird sie nicht stellen. Dennoch befindet sich „Die Partei“ auf dem Weg nach oben - zumindest in Berlin. Foto: dpa

Wie feiert man eine Wahlparty, wenn man das eigene Ergebnis zunächst gar nicht erfährt? Wenn man noch im Dunkeln tappt, während anderswo schon gejubelt oder sich geärgert wird? Wenn sich das eigene Abschneiden hinter einem grauen Balken namens „Andere“ verbringt und theoretisch alles sein kann zwischen nichts und knapp fünf Prozent? Man wartet, trinkt Bier und nimmt das Ergebnis einfach schon mal vorsorglich vorweg.

„Wahlsiegparty“ hatte die Satirepartei „Die Partei“ ihre Veranstaltung getauft, und sie lag damit gar nicht mal so falsch. Die Wahl hat sie nicht gewonnen, natürlich nicht. Auch in den Bundestag wird sie nicht einziehen, Kategorie „Andere“ eben, mehr nicht. Und trotzdem dürfte sich die Partei um Ex-Titanic-Chefredakteur Martin Sonneborn wie ein Gewinner dieser Wahl fühlen.

Das lag zum einen am Ergebnis selbst: In Berlin holte sie immerhin 2,7 Prozent der Erststimmen und 2,0 Prozent der Zweitstimmen. Im Berliner Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg – Prenzlauer Berg Ost kam sie sogar auf 6,4 der Erststimmen und 3,3 Prozent der Zweitstimmen. Zum anderen hatte dieser gefühlte Sieg sehr viel mit den Wochen vor der Wahl zu tun.

Wenn die Öffentlichkeit in der sogenannten heißen Phase des Wahlkampfs damit beschäftigt war, eine ausufernde Debatte darüber zu führen, ob es moralisch vertretbar ist, eine Satirepartei zu wählen, dann sagt das viel aus über diese Bundestagswahl. Und damit auch über den Erfolg dieser Partei, die ja eigentlich nicht viel mehr will, als dem Politikbetrieb den Spiegel vorzuhalten.

Satire ist Millimeterarbeit, auch bei „Die Partei“, wo die Grenzen zwischen Höhö-Humor, Herrenwitz und Systemkritik oft fließend sind. Einer ihrer Slogans: „Der Storch bringt die Kinder. Die Storch bringt sie um.“ Zwei wiederkehrende Fragen haben solche Plakate in diesem Wahlkampf hervorgerufen. Meinen die das ernst? Und was bringt das, wenn ich denen meine Stimme gebe?

Die erste Frage verkennt, dass Humor etwas ziemlich Ernstes sein kann. „Die Partei“ hat das mehrfach bewiesen. Ihr Verkauf von Geldscheinen etwa war kein komischer Selbstzweck, er parodierte den fragwürdigen Goldhandel der AfD und legte eine Lücke im Parteifinanzierungssystem offen, das später reformiert wurde. Erst drei Tage vor der Wahl hatte das Verwaltungsgericht Berlin diesen Kunstgriff als legitim eingestuft und die Partei vor einer Pleite bewahrt. Die zweite Frage aber beantwortet das noch nicht.

Der Vorwurf: Wer für die Spaßpolitiker stimmt, macht keinen Unterschied –  und unterstützt damit letztlich die AfD. Der wahre Kern dieser These: Wer am Sonntag „Die Partei“ gewählt hat, verschenkte seine Möglichkeit, die Sitzverteilung im Bundestag zu beeinflussen. Schließlich wird die Partei dort auch in den kommenden vier Jahren nicht zu finden sein. Und trotzdem trifft der Vorwurf nicht voll zu. Wer seine Stimme Sonneborns Partei gegeben hat, sorgte immerhin dafür, dass extreme Parteien mehr Stimmen benötigten, um die Fünf-Prozent-Hürde zu reißen. Bei keiner –  und übrigens auch bei einer ungültigen – Stimme würde diese Hürde sinken.

„Wir sind eine Partei für Wähler, die nicht mehr wissen, was sie sonst wählen sollen“, sagte Sonneborn vor der Wahl. Mit ihrem Ergebnis bei der Bundestagswahl zeigt die Partei: Es gibt eine ganze Menge solcher Menschen. Vielleicht ist das ihre größte Leistung. Und vielleicht dreht sich die Debatte vor der nächsten Wahl dann ja um diese Wähler, die nicht mehr wissen, was sie sonst wählen sollen, und nicht um eine sogenannte Spaßpartei.

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