Lade Inhalte...

Ostdeutschland Verzweifelte Entschlossenheit an der Wahlurne

Soziales Gefälle, Sog von rechts: Es gibt zahlreiche niederschmetternde Gründe, warum die politische Lage in Ostdeutschland auch im 27. Jahr der Einheit anders geblieben ist.

Dresden
Dresden im Februar 2012. Foto: afp

Nein, Regina Paetzold hat keine Wut, gar nicht. „Ich mag sie ganz gern“, sagt die 69-Jährige aus Wolgast über die Kanzlerin, die soeben in der Hufeland-Halle gesprochen hat. „Und ihre Art finde ich super.“ Während draußen vor der Halle NPD-Schlägertypen grölen, hat aber auch Frau Paetzold aus dem Stegreif eine Erklärung dafür, warum im Osten bei weitem nicht alle ihre Bewunderung teilen. „Nach der Einheit ist vieles ein bisschen schief gelaufen“, sagt sie. „Viele Firmen sind platt gemacht worden. Und dann wurden die ganzen alten Sachen hierher gebracht zum Verkauf.“ Ähnlich schlecht sei es mit den Arbeitsplätzen gewesen. Viele Ostdeutsche hätten „vielleicht falsche Hoffnungen gehabt, weil Merkel nun Ostdeutsche ist und sie dachten, dass Merkel mehr für sie eintritt.“

Ein paar Meter weiter nähert sich Werner Spiegelberg. Nein, gegrölt hat er ebenfalls nicht, als Angela Merkel redete. Aber Erklärungen – die hat er nicht minder. Sie ergießen sich regelrecht aus Spiegelbergs Mund ins Mikrofon seines Gegenübers. „Der Kanzler damals hat gesagt: Es gibt eine blühende Landschaft“, sagt der 76-Jährige, der sich seit langem im Roten Kreuz engagiert. Gemeint ist Helmut Kohl. „Stattdessen ist die Arbeitslosigkeit zuerst gekommen – und die Armut. Man hätte die Verhältnisse angleichen müssen, nicht den Westen übernehmen. Das brauchen wir nicht.“

Das Ost-West-Ding ist nicht erledigt

Die Fehler seien bis heute nicht eingestanden worden und auch nicht korrigierbar. Im Gegenteil, in Wolgast etwa seien nach den Industriebetrieben das Kreisgericht, das Arbeitsgericht, das Finanzamt und die Krankenkassenfilialen geschlossen worden. Und „jetzt steht das Krankenhaus auf der Kippe“. Spiegelberg sagt: „Ich habe zwei Staaten erlebt. Ich bin im ersten nicht gut gefahren. Und gut fahre ich jetzt auch nicht.“ Für seine Wohnung etwa zahle er dreimal mehr als zu DDR-Zeiten. Dabei sei die Wohnung kleiner.

Im Westen verstehen das viele nicht. Im Westen denkt die Mehrheit, über ein Vierteljahrhundert nach der Einheit müsse es doch mal gut sein mit diesem Ost-West-Ding. Tatsächlich könnte es aber genau anders herum sein. „Die Lage stagniert seit über zehn Jahren“, sagt der Görlitzer Soziologe Raj Kollmorgen. „Und erst jetzt zeigen sich die Folgen der Abwanderungswellen mit aller Härte – namentlich in den Klein- und Mittelstädten.“ Das Ost-West-Ding hätte sich dann nicht erledigt. Womöglich kommt es nun erst so richtig auf den Tisch. Und heikler als die sichtbare Wut wäre das, was in ihrem Schatten passiert: die verzweifelte Entschlossenheit an der Wahlurne.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum