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Niedersachsen Zwischen Wut und Watt

Die SPD im Sturzflug? Zerstritten und nach 154 Jahren am Ende? - Moment, immer mit der Ruhe. Es geht auch anders. Ein Besuch beim Ostfriesen Steffen Haake und seinen Genossen in Aurich, dem letzten sozialdemokratischen Paralleluniversum.

Steffen Haake
„Zum Glück müssen wir uns hier nicht mit der Bundes-SPD vergleichen“, sagt Steffen Haake. „Sonst ginge es uns wesentlich schlechter.“ Foto: privat

Es ist der Abend von Hannelore Haßbargen, auch wenn sie niemandem im Raum erzählen will, warum sie getan hat, was sie getan hat. „Nein, tu ich nicht“, sagt sie und lacht laut. Die 48-jährige Bäuerin aus Aurich ist mit ihrem Sohn Udo, auch Bauer, ins Kukelorum gekommen. Die Haßbargens haben einen stattlichen Milchvieh-Hof mit rund hundert Kühen, die sogar noch auf die Weide laufen dürfen.

Aber nun ist Versammlung im Kukelorum: Ein ehemaliges Schleusenwärterhaus aus roten Ziegeln, heute ein wunderschöner kleiner Gasthof, im Grünen am Ems-Jade-Kanal zwischen Emden und Wilhelmshaven gelegen. 1888 eingeweiht, eine wichtige Verkehrsader damals, aber Reichskanzler Otto von Bismarck wollte nicht mal zur Einweihung kommen. „Wegen einer Kuhrinne begebe ich mich nicht ins unwirtliche Ostfriesland!“, soll er gegrummelt haben.

Die muntere Runde im Kukelorum an diesem Abend würde er schon gar nicht besuchen, der pommersche Junker und Sozialistenhasser. Es handelt sich um ostfriesische Sozialdemokraten, genauer: den SPD-Ortsverein Aurich-Upstalsboom, dem Frau Haßbargen nun halbwegs feierlich beigetreten ist. Sehr gemütlich, das Ganze: alter Kronleuchter, blaue Balkendecke, Holzdielen, Gemälde mit Moorlandschaft und draußen der Kanal. Die Genossen trinken Tee, Wasser oder Pils.

Kukelorum muss man erklären. Ostfriesisch, ein Mischwort aus kieken und luren, übersetzt: gucken und warten, das, was Schleusenwärter früher machten. Und das, was die ostfriesische SPD auch gerade tut, eingeklemmt zwischen Wut und Watt. Kieken und luren, welchen Unfug die Berliner Parteiführung wohl noch ausheckt.

„Es ist Einiges vorgefallen“, eröffnet Steffen Haake vorsichtig die kleine Versammlung. Er ist der Ortsvereinsvorsitzende, 24 Jahre alt, ein großer blonder Kerl, der sehr überlegt und fast bedächtig spricht. Seit 2016 ist er Stadtrat im alten und hübschen Aurich, 41.000 Einwohner, wo er sich gerade mit Regenwassergebühren herumschlagen muss. Gleichzeitig ist er Master-Student der Politikwissenschaft in Berlin, nachdem er in Groningen seinen Bachelor gemacht hat, in New Hampshire, Washington D. C. und Lesotho unterwegs gewesen ist, und zwischendurch mal ein Jahr in Paris studiert hat. Polyglott, global, modern und tief im ostfriesischen Kleiboden verwurzelt. Am 18. Dezember 2013 war er in die Berliner SPD-Zentrale gestiefelt und in die Partei eingetreten. Es war der 100. Geburtstag von Willy Brandt. „Musste sein“, sagt Haake. Symbolik ist ihm wichtig.

Nun sitzt er mit 25 anderen im Kukelorum und muss sich einen Reim auf das machen, was die Nachfahren Willy Brandts seit Monaten Unbegreifliches tun, während ein Lokalredakteur hereinkommt, auf einen Stuhl steigt und die Runde von schräg oben fotografiert. Soll man dem Koalitionsvertrag zustimmen? Was ist in die Parteispitze gefahren? Wo ist der Schulz-Hype hin? Sind die noch zu retten? Ist die SPD überhaupt noch zu retten? „Zum Glück müssen wir uns hier nicht mit der Bundes-SPD vergleichen“, sagt Haake in die Runde. „Sonst ginge es uns wesentlich schlechter.“

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