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Merkel gegen Schulz Kuscheliges „Duell“

1. Update „Szenen einer alten Ehe“, „großkoalitionäres Therapiegespräch“ - Oppositionspolitiker und ein Medienexperte kritisieren die allzu große Harmonie beim TV-Duell. Wen sehen die Zuschauer als Sieger?

04.09.2017 06:53
TV-Duell
Mehrere Umfragen sehen Kanzlerin Angela Merkel als Siegerin. Foto: Kay Nietfeld (dpa)

Drei Wochen vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Umfragen zufolge das TV-Duell gegen ihren Herausforderer Martin Schulz gewonnen. Blitzumfragen von ARD und ZDF sahen die CDU-Chefin am Sonntagabend vorne.

Allerdings waren die Zahlen der Umfrageinstitute infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen zum Ausgang des einzigen Fernsehduells im Wahlkampf sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent klar vorne. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Laut ARD war Merkel in ihren drei TV-Duellen als Kanzlerin noch nie so klar vorn.

Martin Schulz wünscht sich ein zweites Duell, da viele Zukunftsthemen nicht zur Sprache gekommen seien. Merkel lehnt ein weiteres Aufeinandertreffen aber ab. Die Kanzlerin trifft sich heute mit zahlreichen Oberbürgermeistern, um das weitere Vorgehen in der Diesel-Krise zu beraten. Am Abend gibt es in der ARD einen „Fünfkampf“ mit den Spitzenkandidaten von CSU (Joachim Herrmann), Grünen (Cem Özdemir), FDP (Christian Lindner), Linkspartei (Sahra Wagenknecht) und AfD (Alice Weidel).

Die Opposition im Bundestag zeigte sich enttäuscht von dem Fernsehduell. Linke-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch sprach von einem „großkoalitionären Therapiegespräch“. „Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt“, monierte Bartsch. Er hielt Schulz vor, nach der Wahl eine Fortsetzung von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen.

Wichtige Zukunftsthemen wie Bildung oder Klimaschutz seien während des mehr als 90-minütigen Duells nicht behandelt worden, kritisierte Linken-Parteichefin Katja Kipping am Montag in der ARD. Der wahre Gewinner des Abends seien „die Rechtspopulisten und die Kapitalseite“ gewesen, weil wichtige sozialpolitische Themen nicht angesprochen worden seien, sagte Kipping.

Hofreiter wirft Merkel Unaufrichtigkeit vor

Die Grünen kritisierten, Schulz habe keine Ideen für die Zukunft gehabt. „Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten“, sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt der dpa.

Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter warf Merkel Unaufrichtigkeit vor. In der Klimapolitik rede sie anders als sie handele, sagte Hofreiter in der ARD. Die Wähler lasse die Kanzlerin im Unklaren darüber, wie sie eines der größten Menschheitsprobleme, nämlich den Klimaschutz, angehen wolle und wie sie die Autoindustrie als wichtigsten Wirtschaftszweig des Landes modernisieren wolle.

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte, es sei eher um Vergangenheitsbewältigung und nicht um die Zukunft des Landes gegangen. „Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss“, sagte Lindner der dpa. „Jeder weiß, dass Frau Merkel Kanzlerin bleibt, das Rennen um die Plätze 1 und 2 ist gelaufen. Das Rennen um Platz 3 gewinnt dadurch weiter an Bedeutung.“

Der Vorsitzende der Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU, Carsten Linnemann, sagte der dpa: „Schulz ist rhetorisch geschickt, ein Meister der markigen Worte. Sein Problem ist aber, dass seine Einwände nicht auf fruchtbaren Boden fielen. Schließlich hat die SPD im Bundestag die Entscheidungen der großen Koalition immer mitgetragen.“

Kritik: TV-Duell überholt

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hält das Format des TV-Duells für überholt. „Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung.“ Fast alle wichtigen Zukunftsfragen, vor denen Deutschland stehe, seien ausgeklammert worden. „Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell“, sagte Gäbler der dpa. „In diesem Nebeneinander demonstrierten die Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Herausforderer Martin Schulz inhaltlich eigentlich nur, dass eine große Koalition jederzeit wieder möglich ist.“

Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Stuttgart-Hohenheim, sagte dem „Handelsblatt“: „Viele Gemeinsamkeiten, wenig Unterschiede. Bestimmt nicht der Start für eine Aufholjagd von Martin Schulz.“ Der Politikberater Michael Spreng sagte, Schulz habe bei einigen Themen punkten können, etwa bei Maut, Türkei und Rente. „Aber diese Punkte waren nicht so stark, dass jetzt die Umfragen in die Höhe schießen“, sagte der frühere Berater des ehemaligen Unions-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber (CSU).

Die SPD liegt seit Wochen in den Umfragen im Schnitt 15 Prozentpunkte hinter der Union. Das Duell wurde von den vier Sendern ARD, ZDF, RTL und Sat.1 veranstaltet und ausgestrahlt. Es wurde erwartet, dass bis zu 20 Millionen Zuschauer den Schlagabtausch verfolgen. (dpa/rtr) 

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