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Martin Schulz Gegen die „Schlaftablettenpolitik“

SPD-Kandidat Martin Schulz will bis zum Schluss kämpfen und knöpft sich in Berlin noch einmal die Kanzlerin vor. Angela Merkel redet in München gegen ein Pfeifkonzert an.

22.09.2017 20:38
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SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz: „Zieht Euch warm an. Ihr seid unsere Feinde!“, sagt er in Richtung AfD. Foto: afp

Es ist ein bewegender Moment. Martin Schulz, der vor der prächtigen Kulisse am Berliner Gendarmenmarkt an diesem milden Spätsommerabend seine vorletzte Wahlkampfrede hält, geht auf eine alte Dame zu. Sie ist nicht irgendwer. Sondern Inge Deutschkron. Auch mit 93 Jahren kämpft die bekannte deutsch-israelische Autorin, die sich als junge Jüdin in Berlin vor den Nazis versteckte, unermüdlich gegen das Vergessen.

Schulz sagt, die SPD sei stolz darauf, dass Menschen wie Deutschkron Genossen seien. Gerade jetzt, wo am Sonntag die Rechtspopulisten von der AfD womöglich als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen. „Zieht Euch warm an. Ihr seid unsere Feinde!“, schleudert Schulz der AfD entgegen. Der Applaus der etwa 4000 Zuhörer im Herzen der Hauptstadt ist ihm da sicher.

Angesichts der niedrigen Umfragewerte für die Sozialdemokraten hob Schulz erneut hervor, dass viele Wähler ihre Entscheidung noch nicht getroffen hätten.

„Die nächsten vier Jahre dürfen keine vier Jahre des Stillstands und der Lethargie werden“, sagte der SPD-Chef am Freitagabend auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Merkel habe zuletzt „nur noch müde die Vergangenheit verwaltet“ und betreibe eine „Schlaftablettenpolitik“. Deutschland brauche aber einen Bundeskanzler, der den Mut habe, die Zukunft des Landes zu gestalten.

Umso kontrastreicher erscheint das Bild, das die Meinungsforscher vom Ausgang der Wahl zeichnen. Stimmen die jüngsten Umfragen, muss die SPD eine historische Demütigung befürchten. Es könnte noch tiefer runter gehen als 2009, als Frank-Walter Steinmeier nur 23 Prozent holte. Was dann im Willy-Brandt-Haus passiert, kann niemand seriös vorhersagen. Schützt Schulz der 100-Prozent-Panzer seiner Wahl zum Vorsitzenden im März vor einem Totalabsturz?

Der 61-Jährige ist in der Partei unverändert beliebt. Die Genossen zollen ihm Respekt, wie er bis zur letzten Minute alles gibt. Große persönliche Fehler kann man Schulz schwerlich vorhalten - anders als Peer Steinbrück, der vor vier Jahren in viele Fettnäpfchen trat und am Ende der Republik auf einem Magazin-Cover den Stinkefinger zeigte. Kürzlich betonte Schulz, er werde auf keinen Fall den Vorsitz aufgeben. Aber wann meldet sich bei Schulz womöglich die Selbstachtung? Bei unter 20 Prozent?

Auf dem Gendarmenmarkt lässt Schulz sich von dem riesigen Druck, der auf ihm lastet, nichts anmerken. Die SPD werde bis Sonntag, 18.00 Uhr alles versuchen. „Ich kämpfe nicht aus Selbstzweck, nicht für Zahlen, nicht für Meinungsforscher.“ Die Sozialdemokraten kämpften für ihre Überzeugungen, für ein gerechteres Land, für ein solidarisches Europa.

Angela Merkel: Pfeifkonzert in München

Nur wenige Minuten nach ihm ist die Kanzlerin auf dem Münchner Marienplatz an der Reihe. CSU-Chef Horst Seehofer lobt, Merkel sei im Wahlkampf zum 19. Mal im Freistaat. Nicht jeder ist erfreut darüber. Merkel muss mit heiserer Stimme gegen ein gellendes Pfeifkonzert und Hau-ab-Rufe von Störern anreden. Wie bei vielen Auftritten in Ostdeutschland hält Merkel dagegen: „Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands mit Sicherheit nicht gestalten.“

Später kommt die CDU-Vorsitzende natürlich auf ihre Entscheidung aus dem Sommer 2015 zu sprechen, Flüchtlinge unkontrolliert ins Land zu lassen. Das Thema ist wieder virulent, beschert der AfD im Endspurt viel Zuspruch, Merkel dagegen könnte in der Wählergunst noch abrutschen, wie manche Umfragen vorhersagen. Was 2015 passiert sei, „das darf, das soll und das wir sich nicht wiederholen“, sagt Merkel. „Wir haben aus den Ereignissen von damals gelernt.“ Seehofer, der unverdrossen nach einer Obergrenze ruft, dürfte das gefallen. Auch er wird genau hinschauen, wie hoch am Sonntagabend der schwarze Balken geht.

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