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Große Koalition Der Pakt der Schmuddelkinder

Die Große Koalition droht zum Normalfall zu werden. Im Jahr 1917 war die gemeinsame Regierung von Christ- und Sozialdemokraten noch eine Sensation - ein Rückblick.

Zentrum und SPD
Die satirische Zeitschrift „Kladderadatsch“ zeigte die SPD als Göre an der Hand eines mächtigen geistlichen Würdenträgers. Foto: Archiv

Angela Merkel oder Martin Schulz? Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ist diese Frage falsch gestellt, und es heißt nach den Bundestagswahlen im Herbst: Angela Merkel und Martin Schulz. Bei möglicherweise bald sieben Parteien im Parlament droht die Notlösung „Große Koalition“ zum Normalfall zu werden. Sie verspricht Beständigkeit – und Langeweile. Dass die beiden großen Volksparteien miteinander können, überrascht niemanden mehr.

Das war einmal vollkommen anders. Einst bedeutete das Zusammengehen von Christ- und Sozialdemokraten eine Sensation, ja einen revolutionären Aufbruch. Es begann lange vor der Großen Koalition der 1960er Jahre, im Juli des Epochenjahres 1917. Die SPD und die katholische Zentrumspartei, von der viele Traditionslinien zu den heutigen Unionsparteien führen, stellten damals die beiden stärksten Fraktionen des Reichstags. Ihre Annäherung weckte große Hoffnungen auf mehr Demokratie im Deutschen Reich und auf ein Ende des Ersten Weltkriegs.

Den entscheidenden Schritt machte am 6. Juli 1917 Matthias Erzberger, ein umtriebiger Vertreter des linken Flügels der Zentrumspartei. Im wichtigsten Ausschuss des Reichstags, dem Hauptausschuss, stellte er völlig überraschend einen neuen Plan vor: Eine „riesige Majorität oder vielleicht alle Abgeordnete“ sollten zusammenfinden, um sich für einen „Frieden des Ausgleichs“ einzusetzen, ohne „zwangsweise Unterdrückung von Völkern und Grenzteilen“. Erzberger warf Regierungsvertretern vor, die Erfolge der deutschen U-Boote vollkommen übertrieben darzustellen. Nie dürfe das Volk dem Reichstag das „grausame Wort“ entgegenschleudern: „Zu spät!“

Selten gab es in der deutschen Geschichte bessere Gründe, über Parteigrenzen hinweg für eine neue Politik zu streiten. Das Deutsche Reich, wusste Erzberger, hatte zu diesem Zeitpunkt im Ersten Weltkrieg nichts mehr zu gewinnen. Die USA waren in den Krieg eingetreten, weil die Deutschen auch Handels- und Passagierschiffe neutraler Staaten wieder ohne vorherige Warnung versenkten.

Im „Steckrübenwinter“ hatten große Teile der Bevölkerung gehungert, und eine durchgreifende Besserung war nicht in Sicht. Die Parteien des Reichstags agierten kraftlos. Sie hatten sich zu Kriegsbeginn auf einen „Burgfrieden“ mit Wilhelm II. eingelassen. Die Macht konzentrierte sich auf den Kaiser, den jeweils von ihm eingesetzten Reichskanzler und schließlich auf die Oberste Heeresleitung, die unter Erich Ludendorff und Paul von Hindenburg fast diktatorisch agierte. Für die Westmächte akzeptable Verhandlungspartner bei Friedensgesprächen waren sie nicht.

Erzbergers Rede war daher ein Paukenschlag. Friedrich Ebert, Vorsitzender der SPD, bemerkte erfreut, sie habe eine „vollständig neue“ Situation herbeigeführt, und auch sein Parteigenosse Philipp Scheidemann sprang dem Zentrumspolitiker bei. Die nationalistischen Kriegstreiber waren dagegen außer sich. Der Konservative Kuno von Westarp, später Vorsitzender der Deutschnationalen Volkspartei, erklärte, Erzbergers Vorgehen wirke wie ein „Verbrechen am Vaterlande“, und „Friedensgeflenne“ helfe jetzt nicht weiter.

Mit seiner Rede überrumpelte Erzberger auch die eigene Partei. Bisher gaben dort Politiker den Ton an, die einen „Siegfrieden“ mit territorialen Gewinnen für das Deutsche Reich anstrebten; auch Erzberger hatte sich lange in diesem Sinne geäußert. Doch es gelang ihm, das Zentrum auf einen neuen Kurs zu zwingen, der ungeahnte Möglichkeiten eröffnete. Noch am selben Tag kamen Vertreter der SPD, der Zentrumspartei, der linksliberalen Fortschrittspartei und der Nationalliberalen Partei im kleinen Kreis zusammen, um das weitere Vorgehen zu beraten. Aus diesem informellen Treffen entstand der „interfraktionelle Ausschuss“.

Die Schmuddelkinder geben den Ton an

Hier bereiteten die Mehrheitsparteien eine Friedensresolution vor, mit der sie sich gemeinsam gegenüber der Reichsleitung positionierten, wie die Regierung aus Kanzler und Staatssekretären – Minister gab es nicht – genannt wurde. Es ging nicht nur um einen schnellstmöglichen Frieden, sondern auch um eine Parlamentarisierung des Reiches, vor allem ein Mitwirken des Reichstags bei der Regierungsbildung. Viele Historiker sehen in diesem Schritt den Anfang der „Weimarer Koalition“ aus SPD, Zentrum und Linksliberalen, die in den zwanziger Jahren das Rückgrat der deutschen Demokratie bildete.

Mit der SPD und dem Zentrum gaben jetzt ausgerechnet die Schmuddelkinder des Kaiserreichs den Ton an, über Jahrzehnte ausgegrenzt als angeblich vaterlandslose Vertreter der „roten und der schwarzen Internationale“. Auch untereinander waren sie sich eigentlich nicht grün. Im 19. Jahrhundert hatten die Päpste den Sozialismus mehrfach aufs Heftigste verurteilt, und führende Zentrumspolitiker verunglimpften ihre Gegner als gewaltbereite und planlose Umstürzler der gottgewollten Ordnung. Im Gegenzug hielten die meisten Sozialisten Religion für ein Übel, das es allenfalls zu dulden gelte, bis es in der sozialistischen Zukunftsgesellschaft von selbst verschwinden werde.

In demonstrativer Abgrenzung voneinander hielten Katholiken und Sozialisten ihre Wählerschaft zusammen. Doch diese Konfliktfolklore verschleierte, dass sie erstaunlich oft zusammenarbeiteten. Prominente Katholiken kümmerte das Elend der Proletarier durchaus, was Karl Marx mit Argwohn beobachtete: „Die Hunde kokettieren mit der Arbeiterfrage“, schrieb er 1869 über die rheinländischen Katholiken an Friedrich Engels. Katholiken und Arbeitervertreter verband zudem, dass Reichskanzler Otto von Bismarck sie mit Ausnahmegesetzen zu bekämpfen versuchte. Absprachen zwischen SPD und Zentrum waren in den Stichwahlen zum Reichstag seitdem keine Seltenheit. 1878 verhalfen Zentrumsanhänger etwa dem Sozialistenführer Karl Liebknecht zu einem Reichstagsmandat. Im Gegenzug unterstützten Sozialisten den Geistlichen Christoph Moufang, der zum Mainzer Bischof gewählt worden war, sein Amt aber wegen der fehlenden Zustimmung der hessischen Regierung nicht antreten konnte. Erzberger, der sich in seiner Partei als Vertreter der „kleinen Leute“ profilierte, prangerte 1906 gemeinsam mit August Bebel, dem Gründervater der SPD, Korruption und „Sittenverfall“ in den deutschen Kolonien an.

Im interfraktionellen Ausschuss trug diese heimliche Liaison jetzt Früchte. Mit einer Mehrheit von fast zwei Dritteln verabschiedete der Reichstag am 19. Juli 1917 tatsächlich eine Friedensresolution. Ironischerweise wurde es dadurch den Sozialdemokraten um Ebert und Scheidemann möglich, weiteren Kriegskrediten zuzustimmen, ohne vor ihren Wählern als Kriegstreiber dazustehen. Der neue Reichskanzler Georg Michaelis – nicht vom Parlament bestimmt, sondern vom Kaiser in Rücksprache mit der Obersten Heeresleitung eingesetzt – befürwortete die Resolution aber nur vordergründig. Letztlich blieb sie ohne Folgen, ebenso wie eine Friedensinitiative Papst Benedikts XV., an deren Vorbereitung Erzberger hinter den Kulissen mitgearbeitet hatte.

Fast scheint es, als ob die Parlamentarier Angst vor der eigenen Courage bekommen hätten. Die Parteien waren es gewöhnt, Reichskanzler und Behörden zu kritisieren oder mit ihnen zu feilschen. Wegen der beschränkten Rechte des Reichstags hatten sie aber nicht gelernt, Mehrheiten zu bilden und selbst weitergehende Verantwortung zu übernehmen. Die Nationalliberalen wollten weiter einen Siegfrieden und gingen auf Distanz zum interfraktionellen Ausschuss. Sozialisten, Katholiken und Linksliberale nahmen zwar zunehmend Einfluss auf die Ernennung der folgenden Reichskanzler, stritten aber nur zögerlich für eine Parlamentarisierung.

Dennoch erschöpft sich die Geschichte des interfraktionellen Ausschusses nicht im Versagen. Durch die enge, ungezwungene Zusammenarbeit fassten Politiker verschiedener Parteien allmählich Vertrauen zueinander. Ohne das Bündnis zwischen SPD und Zentrum wäre die erste deutsche Republik nicht möglich gewesen. Als im November 1918 tatsächlich die Revolution ausbrach und die Monarchie unterging, rafften die Mehrheitsparteien sich bald auf. Philipp Scheidemann rief die „Deutsche Republik“ aus, gegen die Räterepublik, wie sie der radikale Sozialist Karl Liebknecht proklamierte, ein Sohn Wilhelm Liebknechts. Die Zentrumspartei akzeptierte murrend die Volkssouveränität und eine Verfassung ohne Gottesbezug. Gemeinsam mit den Linksliberalen verfügte man schließlich über eine komfortable Mehrheit in der Verfassungsgebenden Nationalversammlung.

Doch die Oberste Heeresleitung und der Kaiser entzogen sich der Verantwortung für die Niederlage. Die Dolchstoßlegende machte ausgerechnet die beizeiten friedenswilligen, demokratischen Parteien für die Härten des Versailler Friedensvertrags verantwortlich. Erzberger, der die Verhandlungen um einen Waffenstillstand geleitet hatte, wurde 1921 von Rechtsextremisten ermordet, Scheidemann überlebte 1922 ein Attentat nur dank glücklicher Umstände.

Die Weimarer Koalition teilte unterdessen das Schicksal vieler großer Bündnisse: Sie verlor an Wählerzuspruch und bröckelte an den Rändern. Kommunisten und Nationalsozialisten, die das parlamentarische System grundsätzlich ablehnten, gewannen an Einfluss, so dass den als „Systemparteien“ diffamierten Demokraten bald nichts anderes mehr übrig blieb, als zusammenzurücken. Von der SPD hatte sich bereits im Frühjahr 1917 eine starke Minderheit abgespalten, die nicht mehr bereit war, neuen Kriegskrediten zuzustimmen. Bayerische Katholiken – schon damals sehr eigenwillig – gingen in der weiter rechts stehenden Bayerischen Volkspartei vom Zentrum getrennte Wege. 1925 verschafften sie Paul von Hindenburg in der Wahl zum Reichspräsidenten die entscheidenden Prozentpunkte gegen den Zentrumskandidaten Wilhelm Marx. Konservative und nationalistische Katholiken, darunter viele Adlige, suchten eine neue Heimat in der eigentlich protestantisch geprägten Deutschnationalen Volkspartei, die schließlich 1933 den Nationalsozialisten zur Macht verhalf. Die Linksliberalen waren zu diesem Zeitpunkt schon lange in der Bedeutungslosigkeit versunken.

Trotz großer Differenzen, etwa in der Schul- und Familienpolitik, sind die Erfolge der Weimarer Koalition jedoch nicht zu unterschätzen. Über die konservative Kulturpolitik des Zentrums geriet in Vergessenheit, dass die katholische Partei in der Zwischenkriegszeit vor allem sozialpolitisch sehr viel weiter links stand, als es dem Papst lieb war. So baute der Priester Heinrich Brauns im Bündnis mit den Sozialdemokraten den Sozialstaat aus. Er wurde „der Ewige“ genannt, denn er war von 1920 bis 1928 Reichsarbeitsminister, für Weimarer Verhältnisse eine ungewöhnlich lange Zeit. Mit wechselnden Koalitionspartnern schufen Zentrum und SPD vieles, auf das die junge Bundesrepublik später zurückkommen konnte.

Nach 1949 verlor das Zentrum jedoch rasch an Bedeutung. Die Bischöfe – das war immer noch entscheidend – favorisierten die neuen überkonfessionellen Unionsparteien. Diese diskutierten ernsthaft über einen „christlichen Sozialismus“. Doch sie banden auch Konservative und Nationalliberale ein, so dass Adenauers CDU schließlich deutlich weiter rechts stand als das Zentrum der Zwischenkriegszeit. Prominente katholische Politiker wie Helene Wessel und der ehemalige Reichskanzler Joseph Wirth blieben ihr daher fern. Franz Josef Strauß (CSU) konnte dagegen den Anspruch erheben, dass es rechts neben einer christlichen Partei keinen Platz für eine weitere demokratisch legitimierte Partei geben dürfe – in der Weimarer Republik wäre wohl niemand auf diese Idee gekommen.

Die SPD bekannte sich 1959 mit dem Godesberger Programm endgültig zur freien Marktwirtschaft. Nachdem sie einen weiten Weg aufeinander zugegangen waren, einte die so entstandenen Volksparteien ein nie dagewesener Grundkonsens. Da sie beide stark waren, blieb die Große Koalition 1966 bis 1969 aber eine kurze Episode. Erst im neuen Jahrtausend – genauer: nach den Wahlen im Jahr 2005 – hatten die Unionsparteien und die SPD gemeinsam keine Zweidrittelmehrheit mehr im Bundestag. Seitdem ist die große Koalition eine naheliegende Option. Die Geschichte der Weimarer Republik macht jedoch nachdenklich: Es wäre kein gutes Zeichen, wenn Angela Merkel und Martin Schulz nicht nur miteinander könnten – sondern müssten.

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