Lade Inhalte...

Flüchtlingspolitik Das Problem mit den Alterstests

Nach der Bluttat von Kandel fordert die Union verpflichtende Knochenuntersuchungen für junge Flüchtlinge - doch die sind ungenau. Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit.

Debatte um Alterstests bei Flüchtlingen
Jugendliche Flüchtlinge sitzen in der zentralen Inobhutnahme für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Foto: dpa

Der gewaltsame Tod eines 15 Jahre alten Mädchens in der pfälzischen Stadt Kandel hat eine neue Debatte um eine Altersfeststellung junger Flüchtlinge angestoßen. Während Unionspolitiker am Dienstag verpflichtende Alterstests forderten, lehnten Ärztevertreter diese entschieden ab.

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) sagte am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin, es sei das „gute Recht des deutschen Staates“, das Alter junger Migranten zu prüfen. Ein bundesweit einheitliches Verfahren sei nötig. Im Saarland müssen sich junge Flüchtlinge im Zweifelsfall seit 2016 der Altersdiagnostik stellen. Die CSU-Bundestagsabgeordneten wollen auf ihrer Klausurtagung ab Donnerstag die Forderung beschließen, das Alter aller angeblich minderjährigen Flüchtlinge medizinisch einzuschätzen.

Die Altersdiagnostik ist jedoch heftig umstritten. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie lehnt die Methoden ab, ebenso die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Kritik bezieht sich vor allem auf die Strahlenbelastung bei den Untersuchungen und auf die Unsicherheit der Ergebnisse. Durchgeführt werden die Untersuchungen von Rechtsmedizinern.

Es gibt keine bundesweiten Standards, nur die Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik. Dazu gehören Untersuchungen von Kiefer und Gebiss, das Röntgen des Handwurzelknochens und – wenn nötig – der Schlüsselbeine. In Berlin begutachten die Forensiker auch die Entwicklung des Körpers, einschließlich der Genitalien. „Wissenschaftlich ist die Genauigkeit der Methoden nicht belegt“, sagt Thomas Nowotny, Kinderarzt im bayerischen Stephanskirchen, „bei allen Untersuchungen gibt es Schwankungen – selbst beim linken und rechten Schlüsselbein derselben Person kann ein Unterschied von bis zu zwei Jahren herauskommen.“

 

Nowotny zählt zu den bekanntesten Gegnern der Altersdiagnostik. Zum einen seien Unterschiede zwischen den Ethnien nicht hinreichend erforscht, sagt er, zum anderen können auch Erfahrungen von Gewalt und Flucht Einfluss haben: „Weil die körperliche Entwicklung hormongesteuert ist, kann sich Stress im Knochenwachstum niederschlagen.“ Das heißt: Wer als Kind oder Jugendlicher unter großer Belastung stand, altert schneller.

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, kritisiert die Verfahren: „Die Untersuchungen sind aufwendig, teuer und mit großen Unsicherheiten belastet“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Die Forderung nach verpflichtenden Tests weist er zurück: „Wenn man das bei jedem Flüchtling täte, wäre das ein Eingriff in das Menschenwohl.“

Die Frage, ob ein junger Flüchtling volljährig ist oder nicht, hat für seine Zukunft gravierende Folgen. Jugendliche haben Anspruch auf Förderung, auf Schulbildung, auf eine bessere Unterkunft. Deswegen sind sie auch relativ teuer: Während ein volljähriger Flüchtling rund 1000 Euro pro Monat kostet, können es bei einem minderjährigen Flüchtling leicht bis zu 4000 Euro sein.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen