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Finanzmärkte „Frankfurt ist wichtiger als Jamaika“

Die Finanzmärkte reagieren überwiegend gelassen auf die Bundestagswahl. Unternehmen und ihre Verbände treibt dennoch eine Sorge um.

Frankfurter Börse
An den Börsen reagiert man gelassen auf die Ergebnisse der Wahl. Foto: dpa

Die Anleger an den Börsen blieben nach der Bundestagswahl gelassen. Wenn sich die Geldpolitiker der Europäischen Zentralbank in Frankfurt zu den Zinsen äußerten, hätte das mehr Einfluss auf die Finanzmärkte, meinte Kornelius Purps von der italienischen Bank UniCredit. „Frankfurt ist wichtiger als Jamaika“, fasst der Banker die Stimmung zusammen.

Die Unternehmen und ihre Verbände treibt dennoch eine Sorge um: die vor unsicheren Verhältnissen im Stabilitätsanker Deutschland. Die Parteien müssten rasch eine handlungsfähige Regierung bilden, mahnte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. „Angesichts der weltpolitischen Lage und der wirtschaftspolitischen Notwendigkeiten sollte dafür nicht zu viel Zeit verwendet werden.“ Ungeduldig zeigte sich auch Alexander Erdland, Präsident des Versicherungsverbandes GDV: Die Rahmenbedingungen wandelten sich durch Digitalisierung, Klimaschutz und Migration rasant. „Eine Hängepartie in Berlin wäre vor diesem Hintergrund verantwortungslos.“

Für Schrecken sorgt der Wahlerfolg der AfD

Diese Haltung zeigte sich in beinah allen Reaktionen aus der Wirtschaft. Zwar seien schwierige Koalitionsverhandlungen zu erwarten, räumte Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer beim Verband der chemischen Industrie, ein. Dennoch zähle jede Woche, wenn es darum gehe, Deutschland zukunftsfähig zu machen. Für Schrecken sorgt der Wahlerfolg der AfD. So warnte Arbeitgeberpräsident Kramer davor, die auf Offenheit von Märkten und Grenzen basierenden Erfolge zu gefährden.

Aus Sicht der Unternehmen steht Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ungeachtet ihrer Kehrtwenden etwa in der Atom- oder Europolitik für Kontinuität und Verlässlichkeit. Da spielt es eine eher untergeordnete Rolle, mit wem sie regiert. Eine Fortsetzung der großen Koalition aus Union und SPD hätte für viele Firmen den Vorteil gehabt, dass dieses Bündnis über eine stabile Mehrheit verfügen würde. Andererseits wäre gerade von angeschlagenen Sozialdemokraten zu erwarten, dass sie stärker auf Umverteilung, höhere Mindestlöhne und eine schärfere Besteuerung von Spitzeneinkommen und Vermögen drängen würden.

Kurse von Banken gaben nach

Bei Jamaika ist der Kurs angesichts der Unterschiede zwischen Grünen und FDP etwa in der Klimapolitik, dem Umgang mit der Dieselaffäre oder in der Euro-Politik schwieriger vorherzusagen. Die Bedenken vieler in der Wirtschaft drückt Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING DIba, so aus: „Das schwache Ergebnis könnte Angela Merkel schneller zu einer lahmen Ente machen als internationale Beobachter und die Finanzmärkte glauben.“ Zerrissen zwischen den Koalitionspartnern und zusätzlich bedrängt von der geschwächten CSU dürfte es Merkel schwer fallen, in Europa den Ton anzugeben oder auch nur Kompromisse einzugehen. Die aber wären nötig, um wie von ihr erhofft gemeinsam mit dem französischen Staatspräsident Emmanuel Macron den Umbau der Euro-Zone voranzutreiben.

Die europäische Integration werde mit einer Jamaika-Regierung langsamer voranschreiten als mit einer großen Koalition, erwarten die Analysten der Schweizer Großbank UBS. Diese Aussicht drückte auch die Aktien der Banken, die von einer stärkeren Zusammenarbeit in der Währungsunion profitiert hätten. Auch die Brexit-Verhandlungen könnten mit der FDP schwerer werden, was die Banken belastete. Außerdem gab der Aktienkurs des Energieriesen RWE deutlich nach. Denn der Konzern mit seinen Kohlekraftwerken könnte bei einer Regierungsbeteiligung der Grünen zusätzlich in Schwierigkeiten kommen.

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