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FDP Wer ist Christian Lindner?

Wer den FDP-Chef eine Weile beobachtet, hat irgendwann den Eindruck, einen Schauspieler vor sich zu haben. Die Rolle heißt: der perfekte Christian Lindner. Aber es gibt ihn, den Menschen hinter der makellosen Fassade.

Christian Lindner
Fällt selten aus der Rolle: Christian Lindner auf dem FDP-Landesparteitag in Neuss. Foto: dpa

Christian Lindner fällt durch. Gerade hat der Moderator einer Podiumsdiskussion auf dem Arbeitgebertag darum gebeten, die Debatte mehrerer Politiker nicht als Therapiesitzung über eine gescheiterte Jamaika-Koalition zu nutzen. Doch dem FDP-Chef gelingt es, in jeder seiner Antworten unterzubringen, dass eine gemeinsame Regierung mit Union und Grünen keine Zukunft gehabt hätte. Vielmehr wäre Jamaika eine „große Koalition plus einige für den Industriestandort gefährliche Ideen der Grünen“ geworden.

Lindner schaut ins Publikum, doch der Beifall der versammelten Wirtschaftsvertreter bleibt spärlich. Kräftigen Applaus gibt es erst, als ihm der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) widerspricht. Angesichts der vielen Reformbaustellen brauche Deutschland dringend eine handlungsfähige und innovative Regierung; Jamaika hätte dies leisten können. Und als dann das Publikum darüber abstimmen kann, ob es sich eine große Koalition oder ein Bündnis von Union, Grünen und FDP wünscht, liegt Jamaika vorn.

Es ist zehn Tage her, da hatte Lindner eben jenes Bündnis durch den Auszug aus den Sondierungsgesprächen unmöglich gemacht. Noch immer wird gerätselt, warum.

Christian Lindner ist eines der größten Politiktalente

Der 38-Jährige ist zweifellos eines der größten Politiktalente der Republik, blitzschnell im Kopf und ein begnadeter Redner. Doch wer ihn eine Weile beobachtet, hat irgendwann den Eindruck, einen Schauspieler vor sich zu haben. Die Rolle heißt: der perfekte Christian Lindner. Stets wirkt sein Auftreten wie sorgsam inszeniert, allerdings ein wenig zu vollkommen. Der Mensch Lindner ist dahinter kaum zu erkennen.

Aber es gibt ihn, den Menschen hinter der makellosen Fassade. Ende April zum Beispiel hat er sich gezeigt: Auf dem Bundesparteitag zur Abstimmung über das Wahlprogramm unterläuft dem FDP-Parteichef eine klare Fehleinschätzung. Er ist davon ausgegangen, dass die Delegierten einer Grundgesetzänderung zustimmen, um dem Bund mehr Mitsprache bei der Bildung zu sichern. Den anfänglichen Beifall der Delegierten interpretiert er falsch: „Ein Traum wird wahr: Ein FDP-Parteitag applaudiert, wenn ein Vorsitzender die Aufhebung des Kooperationsverbots im Bildungsföderalismus fordert“, freut er sich in seiner Rede. Doch wenig später verweigern die Delegierten genau das. Im Kompromiss ist dann nur noch von einer grundlegenden Reform die Rede.

Wenig später trifft er einige Journalisten und gibt sich gut gelaunt. Doch als ihn einer auf die Sache mit dem Kooperationsverbot anspricht, verhärtet sich schlagartig sein Gesicht, seine Augen werden schmal. Mit schneidender Stimme fährt er den Reporter an: „Ihnen wird es nicht gelingen, daraus eine Niederlage zu konstruieren. Ihnen nicht!“ Der Journalist schaut verdutzt, vergisst das Mitschreiben – man ist nicht gewohnt, dass Lindner aus der Rolle fällt. Das Ganze dauert nur Sekunden, dann hat er sich wieder im Griff.

Fünf Monate später könnte „CL“ in Berlin mitregieren. Doch warum verzichtet einer, der den Willen zur Macht hat, auf die Möglichkeit, aktiv die Politik mitbestimmen zu können, vielleicht sogar als Bundesfinanzminister? Ein Erklärungsversuch lautet, Lindner flüchte immer dann, wenn es ernst werde. Er stieg 2001 aus, als seine eigene Firma vor der Pleite stand, er trat 2011 vom Posten des Generalsekretärs der Bundes-FDP zurück und beobachtete den Untergang seiner Partei vom sicheren Düsseldorf aus.

Oder hat Lindner die Gespräche platzen lassen, weil er Jamaika von Anfang an nicht wollte? Weil er aus der Opposition zusehen will, wie sich eine große Koalition oder eine Minderheitsregierung zerlegt und er dann als Held einer neuen bürgerlichen Bewegung wie „En Marche“ in Frankreich das Kanzleramt übernehmen kann? Schon eher.

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