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Wahl-Serie Die Abgehängten

Die meisten Deutschen leben in der Provinz. Im Wahlkampf spielt diese aber keine Rolle. Ortstermine in Ost und West bei zwei zornigen Bürgermeistern.

Altena
Im sauerländischen Altena gibt es nicht mehr viele Einkaufsmöglichkeiten. Geschäfte stehen seit Jahren leer. Foto: Max Grönert

Wenn er König von Deutschland wäre? Was er dann machen würde? Gar nicht so einfach, Andreas Hollstein muss überlegen. Er ist nicht König, sondern Bürgermeister von Altena im Sauerland. 54 Jahre alt, CDU, er sitzt in seinem Büro, er schaut aus dem Fenster, es regnet. Er sieht die berühmte Burg auf der anderen Talseite, dazwischen den Fluss, die Lenne. Er muss länger nachdenken.

Seit 1999 ist er Bürgermeister einer Stadt, die wie keine andere in Westdeutschland zusammengeschrumpft ist. Altena hatte 1970 rund 34.000 Einwohner, heute 17.000. Altena hatte eine bedeutende Drahtindustrie, heute sind noch Reste davon übrig. Es gab eine Stricknadelfabrik, es gab Nokia, den Handyhersteller, der erst nach Bochum umzog und dann nach Rumänien.

Die Arbeit verschwand, die Leute zogen weg, die Kaufkraft brach ein, die Hauspreise gingen in den Keller. Ein Wandel, der ein Niedergang war. „Als ich 1999 hier als Bürgermeister anfing, war alles auf Talfahrt“, erzählt Hollstein. Seine Stadt steht seit 22 Jahren unter Finanzaufsicht, sie hat 80 Millionen Euro Schulden. Als er Bürgermeister geworden war, verkaufte er als erstes den Dienstwagen seines Vorgängers, einen Mercedes 230. Hollstein teilt sich seitdem einen Polo mit den Kollegen im Rathaus. Mehr geht nicht, mehr muss auch nicht. Ein Zeichen immerhin.

18 Jahre ist das her. Er machte vieles anders. Keine „alte Politik“ mehr, wie er es nennt: Keine Bänder durchschneiden, Geld ausgeben, Straßen und Plätze einweihen und gleichzeitig: nach mir die Sintflut. Hollstein schloss eines von zwei Schwimmbädern und zog vor Gericht, als 3000 Bürger sich gegen ihn stellten, weil sie das nicht wollten. Er verkleinerte die Verwaltung, von 180 auf 120 Stellen. Er ließ 2001 eine Straße in der Innenstadt von den Anwohnern pflastern, 400 Meter. Sonst wäre es nicht gegangen, kein Geld.

Er ließ einen „Eventaufzug“ rauf zur Burg auf der anderen Flussseite bauen, damit von den 130.000 Touristen im Jahr auch ein paar den Weg nach unten in die Altstadt finden und dort ihren Kaffee trinken. Er richtete das „Stellwerk“ ein, ein Begegnungshaus und eine Freiwilligenbörse, wo ältere Altenaer Schülern bei den Hausaufgaben helfen oder den Alten beim Umgang mit einem Smartphone. Als Altena vor zwei Jahren 350 Flüchtlinge aufnehmen sollte, bat der Bürgermeister, dessen Mutter nach dem Krieg aus Litauen nach Altena kam, um mehr: Noch 100 bitte, die Stadt könne junge Menschen gut gebrauchen.

Er macht und tut. Und dennoch geht der langsame Niedergang seiner Stadt weiter: Von den vier Kirchen sind zwei längst abgerissen, 20 Läden stehen leer. Er blickt auf eine alte Gründerzeit-Villa: „Da will keiner rein.“ Hollstein erzählt von Architekten in seiner Stadt, die am PC keine Pläne versenden können, weil das Internet so schwach ist und die deshalb alles auf Speicher-Sticks ziehen und abends in ein Internetcafé in der nächsten Großstadt fahren, um von dort ihren Kram zu verschicken.

Also, sagt er, wenn er König von Deutschland wäre, er würde sich um die Provinz kümmern. Um die Kleinstädte und Dörfer. „Niemand kümmert sich. Die große Politik verschläft den Niedergang. Man redet viel und tut nichts.“ Es sei so, seit Jahrzehnten. Über alles werde geredet im Wahlkampf. Aber dass die Republik langsam aber sicher auseinanderfalle? Sich zerlege in Gewinner- und Verliererregionen? „Darüber nicht. In Berlin hat man das Thema bis heute nicht begriffen.“

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