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Gentrifizierung „Ist ja alles so teuer geworden“

Wie viel Wachstum verkraften deutsche Städte, ohne die Menschen zu verlieren, die sie lebenswert machen? Ein Besuch in Berlin.

06.09.2017 20:26
Silvia Perdoni
Passionskirche in Kreuzberg
Kreuzberg ist längst gentrifiziert. Das strahlt in die Nachbarschaft ab. Foto: dpa

Rita Timm sah durch ihr Schlafzimmerfenster, wie Männer die Berliner Mauer aufbauten. Damals, 1961, schreckte sie morgens aus dem Bett hoch, als sie von der Straße Baulärm hörte. Handwerker waren da, ein Lastwagen mit Steinen und Zaundraht – und plötzlich stiegen Fremde in ihrem Hausflur in den vierten Stock hinauf, um rüber in den Osten zu winken. Sie wohnte nun an der härtesten Grenze der Welt.

Rita Timm sah durch ihr Schlafzimmerfenster auch, wie Männer die Berliner Mauer wieder einrissen. Damals, 1990, kam sie irgendwann von der Arbeit nach Hause, und es fehlte ein Stück Wall. Wieder waren Handwerker da, Kräne und Lastwagen – und plötzlich blickte sie auf einen Grünstreifen, der so friedlich dalag, als wäre nie etwas gewesen. Sie wohnte nun im geografischen Zentrum einer geeinten Stadt.

Seit Montag guckt Rita Timm nicht mehr durch ihr altes Schlafzimmerfenster. Handwerker haben ihr neue Scheiben und Rahmen eingebaut. Ihr Haus in der Stallschreiberstraße wird saniert. Denn Rita Timm wohnt mittlerweile im Herzen eines Booms, genau an der Bezirksgrenze zwischen Mitte und Kreuzberg, wo Schickeria und Schrammeligkeit zu „Kreuzmitte“ verschmelzen.

Rita Timm, 82 Jahre alt, hat sich lange gegen die neuen Fenster gewehrt. Weil sie alle Bilder, Vasen, Puppen und Figuren drum herum mühsam in Kisten verpacken musste. Weil sie wegen der Fenster bald mehr Miete zahlen muss. Und weil diese Fenster ihr zu verstehen geben, dass Alteingesessene wie sie eigentlich nicht mehr in dieses Quartier passen.

Rund um die Otto-Suhr-Siedlung, wo Rita Timm seit 59 Jahren wohnt, wo Berlin laut Sozialstrukturatlas noch heute am ärmsten ist, sind in den vergangenen Jahren neue Wohnkomplexe entstanden, schicke Bauten mit Glasbalkonen, Fußbodenheizung und Tiefgaragen.

Der Verteilungskampf um Aufwertung, Sanierung und Verdrängung, der in vielen deutschen Städten tobt – vielleicht wird er nirgends so greifbar wie im Schlafzimmer von Rita Timm.

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