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Flüchtlinge in Thüringen Wir schaffen das

Spontan beschließt der Besitzer einer Autohaus-Kette in Thüringen, Flüchtlinge auszubilden. Zwei Jahre später zieht er Bilanz über eine nicht immer einfache Zeit.

Achit Tölle (links) und ein Azubi.
Ausbildungsleiter Achit Tölle (links) ist die gute Seele des Betriebs und Ansprechpartner für die Lehrlinge. Foto: Tobias Peter

Achter Stock, ein Plattenbau im thüringischen Nordhausen. Ein Zimmer, Küchenzeile, Bad, Balkon. Hier lebt eine deutsche Erfolgsgeschichte aus Ostafrika. Lässig lässt Michael Teclom Asmelash aus Eritrea seine Füße von einem Barhocker herunterbaumeln, den er sich von seinem ersten Gehalt als Lehrling zum KfZ-Mechatroniker gekauft hat. Der 22-Jährige trägt ein Trikot von Borussia Dortmund und zeigt stolz ein Foto von sich und zwei deutschen Kumpels aus seiner eigenen Fußballmannschaft, der Truppe des SSV Blau-Weiß Wollersleben. Die drei haben ihre Arme umeinandergelegt. „Das sind meine Freunde“, sagt Teclom Asmelash.

Diese Erfolgsgeschichte der Integration ist nicht nur eine des jungen Eritreers, sondern ein gutes Stück weit auch eine des Unternehmers Helmut Peter. Und eine seines Bauches.

Peter ist Besitzer einer Autohauskette mit mehr als 20 Häusern in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Vor knapp zwei Jahren sprach Kanzleramtsminister Peter Altmaier auf einem CDU-Oktoberfest in einem von Peters Autohäusern. Es gebe zu viele Menschen, die über Integration nur redeten, aber nichts dafür täten, sagte Altmaier. Helmut Peter rief, wie er es im Nachhinein selbst beschreibt, „aus dem Bauch heraus“ auf die Bühne: Man solle seinem Unternehmen doch Flüchtlinge schicken. Er werde schon Facharbeiter aus ihnen machen.

Jetzt – zwei Jahre später, eineinhalb Jahre, nachdem Teclom Asmelash und andere erst ein Praktikum und dann eine Lehre begonnen haben – sagt der Firmenchef: „Ich habe das aus Überzeugung getan, weil ich selber 1989 vor einem Systemwechsel stand und nicht wusste, wie es weitergeht.“ Und: Er würde immer wieder helfen, er würde es wieder tun.

Während Peter dies sagt, hat sich der 59-Jährige tief in seinen Stuhl im Besprechungszimmer in der Firmenzentrale in Nordhausen sinken lassen. Er legt die Hände erst auf seinen rundlichen Bauch, verschränkt sie dann hinter seinem Kopf. Peters Augen sind nicht gerade weit geöffnet an diesem Tag. „Ich bin aber auch ziemlich ernüchtert“, sagt er dann.

Was ist geschehen? Warum erfreut Peter sich nicht einfach an der Erfolgsgeschichte, die er mit Teclom Asmelash erlebt? Warum blickt er drein, als täte ihm heute sein Bauch weh, aus dem heraus er entschieden hat, die Unternehmenstüren für Flüchtlinge zu öffnen?

Es ist, als wären die Ereignisse und die Folgen des Flüchtlingszugs nach Deutschland im Jahr 2015 in Nordhausen und den dortigen Autohäusern wie in einem Brennglas gebündelt. Da ist Helmut Peter, der wie Kanzlerin Angela Merkel das Projekt Flüchtlingsintegration startet, mit der Maßgabe: „Wir schaffen das.“ Doch so, wie die deutsche Willkommenskultur nur von einem Teil der Bevölkerung getragen wurde, gab es auch in Peters Betrieb und in Nordhausen Bedenken und Widerstand. Zahlreiche Mitarbeiter, unter ihnen viele Meister, waren gegen das Projekt.

Auch in der Stadt habe es Kritik gehagelt, erinnert sich der Firmenchef. „Der Peter will sich doch nur aufspielen. Der lockt die auch noch alle hierher“, sagt einem auch heute noch manch ein Passant auf der Straße, wenn man ihn nach dem Projekt des Unternehmers fragt.

Seine Idee dennoch umzusetzen, sie – mit der Faust auf den Tisch schlagend – auch gegen Teile der eigenen Belegschaft durchzusetzen, hat ihn viel Kraft gekostet. Peter sagt, er hätte mehr staatliche Hilfe gebrauchen können. Zwar hat er etwas finanzielle Unterstützung erhalten, doch das Geld habe nicht weit gereicht. Darum geht es ihm aber gar nicht entscheidend.

Am Ende nennt Peter einen ganz anderen Grund für seine Ernüchterung. 15 Flüchtlinge, darunter Syrer, Iraker und Eritreer, hätten einen Lehrvertrag bei ihm unterschrieben und im Unternehmen angefangen, sagt Peter. Jetzt, zu Beginn des zweiten Lehrjahres, seien aber nur noch neun dabei. Die anderen hätten die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker abgebrochen – aus freien Stücken.

„Die Realität hat uns eingeholt“, sagt der Unternehmer. „Dreieinhalb Jahre Lehre sind eine lange Zeit“, fügt er hinzu. „Viele Flüchtlinge – gerade, wenn sie nicht mehr Anfang 20 sind, sondern schon ein wenig älter – wollen dann doch lieber einfach irgendeinen Job machen. Irgendwas, womit sie ein paar Euro mehr verdienen als in der Ausbildung.“ Vielen sei nicht zu vermitteln, dass die Zeit und die Anstrengung für eine Lehre sich lohnten, inklusive des Paukens schwieriger Vokabeln, vom Anti-Blockier-System bis zur Zylinderkopfhaube.

Achit Tölle kennt die Schwierigkeiten genau. Er ist der Ausbildungsleiter im Unternehmen. Tölle weiß, dass Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ übersetzt letztlich hieß: „Ich habe entschieden, ihr müsst das jetzt schaffen.“ Und genau wie Merkel in der ganzen Bundesrepublik kann eben auch Helmut Peter das Projekt Flüchtlingsintegration in seinem Unternehmen nicht stemmen, ohne dass vor allem andere viel Arbeit damit haben. Peter führt die Geschäfte. Wenn mit den Flüchtlingen im Alltag Probleme auftauchen, braucht er seinen Ausbildungsleiter.

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