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CDU Herrenaufstand bei den Christdemokraten

Koch, Merz, Rühe und Co. sägen am Stuhl der Kanzlerin - eine späte Rache?

Merkel und Koch
Daumen hoch ist lange her: Angela Merkel und Roland Koch 2003 bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kassel. Foto: rtr

Eine grimmige Garde rückt da auf die CDU-Zentrale und aufs Kanzleramt vor. „Demütigung!“, ruft der Schmalste von ihnen, Friedrich Merz sein Name. Die CDU lasse offenbar „alles mit sich machen“, beschwert sich der mit der Brille. Er heißt Roland Koch. Angela Merkel habe „desaströs verhandelt“, donnert der Älteste namens Volker Rühe, der mit dem sehr vierkantigen Kopf. Die drei scheinen nichts Gutes im Sinn zu haben mit der Frau, die ihre Partei führt und die sich gerade anschickt, das vierte Mal Bundeskanzlerin zu werden.

Eine bedrohliche Front steht ihr gegenüber, nicht von der SPD, sondern aus den eigenen Reihen. Ein paar Jüngere sind auch dabei: Carsten Linnemann warnt vor dem Ende der Volkspartei CDU, weil Merkel der SPD das Finanzministerium überlassen habe. Jens Spahn befindet, seine Partei sei keine Monarchie, in dem die Chefin ihre Nachfolge festlegen könne. Paul Ziemiak fordert Erneuerung. Der Chef des Unions-Wirtschaftsflügels, ein Finanzstaatssekretär, der Vorsitzende der Jungen Union vereint mit dem Ex-Unions-Fraktionschef, einem Ex-Ministerpräsidenten und einem ehemaligen Verteidigungsminister – war es das mit der Führungskraft Angela Merkels? „Empfinde ich nicht“, sagt die im ZDF und setzt ihr freundlichstes Lächeln auf. Hat sie sich bei der Ressortverteilung von der SPD über den Tisch ziehen lassen? „Ich stehe vollkommen zu dieser Entscheidung“, so Merkel. Man habe die Verhandlungen nicht an solch einer Frage scheitern lassen können.

Nun ist es das eine, was jemand behauptet, und was tatsächlich ist. Und es gibt ja kaum einen CDU-Politiker, der gerade nicht von „Erneuerung“ redet. Aber es ist gut möglich, dass Merkel sich gerade fühlt, als wäre sie zurückkatapultiert um 15 oder 20 Jahre und dass sie daraus eine gewisse Gelassenheit schöpft. Damals war die Konstellation ähnlich: CDU-Männer stellten sich gegen Merkel. Sie war die ostdeutsche Frau, die nach der Wiedervereinigung sozusagen von Jetzt auf Gleich in die große Politik eingetaucht war, ohne all die mühsamen Jahre des Papiereschreibens, Konferenz-Durchsitzens in der Jungen Union, ohne die gemeinsame Erfahrung im Sich-Belauern und Netzwerken. Der „Anden-Pakt“, ein gegenseitiger Karriereschwur von CDU-Männern auf einer gemeinsamen Südamerika-Reise, wurde zur Chiffre für die angebliche Aussichtslosigkeit Merkels.

Aber es war dann so: Als erst Helmut Kohl abgewählt wurde und dann Wolfgang Schäuble über die Spendenaffäre stürzte, übernahm Merkel den Parteivorsitz. Rühe hatte den eigentlich für sich vorgesehen, er wurde dann noch nicht einmal schleswig-holsteinischer Ministerpräsident, woran mehr die Spendensache schuld war als Merkel.

Die galt weiter als Übergangslösung, so sehr, dass die CDU-Spitze 2002 den damaligen CSU-Chef Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat bevorzugte. Der verlor, Merkel übernahm den Vorsitz der Bundestagsfraktion, Merz musste weichen. Wenige Jahre später schied er verärgert aus der Politik aus. Merkel war drei Jahre später Kanzlerin, es galt als sicher, dass der Hesse Koch in Bälde übernehmen würde oder auch sein damaliger Amtskollege aus Niedersachsen Christian Wulff. Beide sind mittlerweile aus der Politik ausgeschieden. Koch ging 2010, weil er seiner Hessen-CDU nicht mehr als Siegertyp galt.

Demütigung! Desaströs! Nicht alles mit sich machen lassen!, rufen Merz-Koch-Rühe also jetzt, sie sind mittlerweile Aufsichtsräte oder Berater von großen Vermögensverwaltern, Staatsweingütern, Finanzinvestoren. Und es klingt, als kommentierten sie ihre eigene Parteigeschichte, das Scheitern auch des Andenpakts. Als sähen sie jetzt ihre zweite Chance gekommen im Kampf gegen diese Frau, die sie erst nicht ernst genommen haben. Die Vertreter aus einer anderen Zeit der CDU werden nun als Kronzeugen zitiert für die Debatte nach Erneuerung der Partei.

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