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Bundestagswahl Rotzjunge und Rentnerin

Floris Beer und Barbara Rütting sind der jüngste und die älteste Kandidatin für den neuen Bundestag. Zwei Porträts.

Floris Beer
Floris Beer (Die Partei). Foto: dpa

Zu den Besonderheiten der kommenden Bundestagswahl, zählt auch eine besonders große Skepsis gegenüber den kleinen Parteien, die sich in den demokratischen Wettkampf begeben. Als versessen bis verrückt galten sie ja schon immer, die da allein um Tierschutz, Marxismus oder Yoga kreisten.

Unter den 35 „Sonstigen“, die es wohl nicht ins Parlament schaffen werden, gibt es sicherlich einige Superlative. Zwei sind der jüngste Kandidat und die älteste Kandidatin der insgesamt 4828 Bewerber für den nächsten Bundestag. Die beiden heißen Floris Beer, 18 Jahre alt und Kandidat im brandenburgischen Fürstenwalde, und Barbara Rütting, knapp 90 Jahre alt und in Bayern aufgestellt.

Es sind nicht nur die Jahre, die die beiden trennen. Auch zwischen ihren politischen Ansichten liegen Welten, wie es scheint: Floris Beer steht für Forderungen wie die „Bierpreisbremse“ oder das „MILF-Geld“ – er tritt für die Satire-Partei „Die Partei“ an, die 2004 von Redakteuren des Magazins „Titanic“ gegründet wurde. Er selbst ist erst vor gut einer Woche volljährig geworden, hat aber trotz des jungen Alters eine umfassende politische Meinung: Kinderarmut könne man mit Kinderarbeit bekämpfen. Gegen Altersarmut helfe ein erhöhtes Flaschenpfand. Was die „taz“ als Partei „der Besserwisser, deren einzige Erfüllung es ist, sich über andere zu erheben“ beschreibt, ist für Beer ein Mittel, Wähler anzusprechen: „Wir kümmern uns um ernste Anliegen“, sagt er.

Die Satire mache auf Probleme aufmerksam – so klingt die „Partei“, wenn sie mal ernsthaft wird. Der 18-jährige Direktkandidat Beer ist denn auch alles andere als ein unpolitischer Zyniker. Interesse an Politik habe er schon immer gehabt, demonstrierte gegen Atomkraft, sympathisierte mit den Grünen – und entdeckte dann, mit 16, die Satire-Partei, die seine Anliegen als Einzige mit einer echten, rotzigen Anti-Haltung verband.

Dass er in seinem Wahlkreis trotz des jungen Alters zum Direktkandidaten avancierte, verdankt er einem Witz, den man eigentlich nicht machen soll: Der Parteispitze war aufgefallen, erzählt Beer, dass sein Nachname das englische Wort für Bier sei, sodass sie ihn motivierte, mit drei Freunden einen Kreisverband zu gründen und auch gleich als Direktkandidat anzutreten. In Umfragen liegt die Partei um ein Prozent – falls sie die Trendwende nicht mehr schafft, will Beer erstmal Abitur machen. Ein Auslandsjahr und ein Psychologie-Studium sollen die Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl überbrücken.

Vor fast zehn Jahren hatte sie sich geschworen, nie mehr einer Partei beizutreten. Damals trennte sich Barbara Rütting nach sechs Jahren im bayerischen Landtag von den Grünen. Heute weiß sie es besser: Seit Januar engagiert sich die frühere Schauspielerin (einst „Stadt ohne Mitleid“ mit Kirk Douglas, zuletzt „Traumschiff“) für die V-Partei; eine Gruppe, die für „Veränderung, Vegetarier und Vegane“ eintritt.

Nach vielen schweren Jahren bei den Grünen sieht Rütting in der V-Partei eine neue Bewegung – eine, die sie immer gesucht habe. Im konkreten Fall war es aber andersherum: sie wurde von der V-Partei gefunden und angesprochen. Die Forderungen im Parteiprogramm rangieren von einer „sinnvolle Verwendung der Hundesteuer“ bis hin zum „fahrscheinlosen ÖPNV“. Gegründet 2016, hat die V-Partei heute 1500 Mitglieder. Die 89-jährige Rütting ist mit Abstand das prominenteste Mitglied, kandidiert aber trotzdem nur auf Platz zwei der bayrischen Landesliste für den Bundestag.

Rütting selbst lebt seit 1970 konsequent vegetarisch. Menschen-, Tier- und Umweltschutz sind für sie untrennbar. Sie nahm bereits 1958 an ihrer ersten Demo teil – in München gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands. 1982 hat sie sich in Berlin beim Pharmakonzern Schering aus Protest gegen dessen Tierversuche angekettet, wurde in Mutlangen und Büchel bei den Blockaden gegen Atomraketen festgenommen.

Nur zwei Monate nach der Wahl wird die in Bayern lebende Aktivistin 90 Jahre alt. Warum sie sich in so einem Alter für einen neuen politischen Weg entschied, beantworten ihre Plakate so lapidar wie endgültig: „Weil es getan werden muss“.

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