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Bundestagswahl Der schlechte Ruf der Meinungsforscher

Demoskopen stoßen auf immer mehr Hindernisse und geraten häufig in die Kritik. Der Blick auf Social Media hilft da nur bedingt weiter.

Wahlplakate
Wem die Stimme geben? Manch einer entscheidet erst in der Wahlkabine. Foto: dpa

Jede Woche gab es zuletzt gleich mehrere Umfragen zur Bundestagswahl. Doch der Ruf der Meinungsforscher hat stark gelitten. Bei vergangenen Landtagswahlen, Donald Trump oder dem Brexit-Referendum lagen sie nicht selten deutlich daneben. Vom Versagen der Meinungsforschung war gar die Rede – dabei fielen die Umfrageergebnisse sowohl bei der US-Wahl als auch beim Brexit in den Rahmen der statistischen Unschärfe, die solche Erhebungen mit sich bringen. Am Ende aber legten sich fast alle Institute immer auf das falsche Ergebnis fest – und knapp daneben ist in der öffentlichen Wahrnehmung eben vorbei.

Vor allem Extreme und Populisten wie Trump-Wähler oder AfD-Anhänger sind für die Demoskopen offenbar nur schwer zu erfassen. So verfehlten die Umfragen bei den Landtagswahlen zunächst auch die tatsächlichen Ergebnisse der AfD weit.

Trump-Wähler oder AfD-Anhänger

Dass den Instituten die Einschätzung populistischer Parteien so schwerfällt, lässt sich auf drei Aspekte zurückführen. Zum einen wird es immer schwieriger, einen repräsentativen Teil der Bevölkerung zu erreichen – ein Großteil der Jungen verfügt nicht mehr über einen Festnetzanschluss, und das ist nun einmal der klassische Zugang bei der Telefonumfrage.

Zum anderen erklären sich immer weniger Menschen dazu bereit, an solchen Umfragen teilzunehmen – dieser Effekt lässt sich häufig bei Wählern aus dem rechten Spektrum erkennen. Und zum dritten spielt die „soziale Erwünschtheit“ eine große Rolle. Menschen äußern anderen Menschen gegenüber nicht gern unpopuläre Einstellungen – auch nicht am Telefon, selbst dann nicht, wenn sie anonym bleiben. Das wurde zuletzt im US-Wahlkampf deutlich. Trump-Wähler äußerten sich offiziell einfach gar nicht mehr oder logen in den Umfragen.

Wie groß das Interesse an der AfD und ihren Themen tatsächlich ist, zeigt dagegen ein Blick ins Netz und besonders in die sozialen Netzwerke. In einer Auswertung der Webseite „10 000 Flies“, die Interaktionen im Social Web misst, kamen zuletzt rechtsalternative Medien wie die Epoch Times oder RT Deutsch in die Charts, es interessieren vor allem AfD-nahe Themen wie Flüchtlingspolitik. Auch bei Google suchen die Menschen häufiger nach Alice Weidel, der Spitzenkandidatin der AfD, als nach anderen Kandidaten. Der Gedanke liegt nahe, dass die Meinungsforschungsinstitute dementsprechend auch Daten aus Social Media berücksichtigen müssten. Doch das ist nicht so einfach. 

Social Media-Daten reichen nicht

Allein auf Daten aus Social Media könne man sich nicht verlassen, mein Sebastian Huempfer von dem Social-Media-Start-up Echobox, das verzerre das Bild. Echobox setzt aber durchaus auf Big Data aus dem Netz. Das Team fragt keine Meinungen ab, sondern untersucht tatsächliches Verhalten – und zwar die Nachrichtennutzung im Internet. Wer liest wann wo welche Artikel? „Diese Leser kommen natürlich zu einem Großteil über Social Media oder Google“, sagt Huempfer.

Echobox gelang es so, den Erfolg des französischen Präsidenten Emmanuel Macron vorherzusehen. Er dominierte die Schlagzeilen, erhielt im Netz die meiste Aufmerksamkeit der Nutzer. „Dabei war sogar egal, ob es sich um positive oder negative Schlagzeilen handelte“, sagt Huempfer. Es gilt: Je mehr Aufmerksamkeit ein Kandidat erzielt, desto mehr Erfolg hatte er später.

AfD möglicherweise drittstärkste Kraft

Wiederholt sich dieser Mechanismus in Deutschland, könnte die AfD am Sonntag nach Einschätzung des Echobox-Teams drittgrößte Kraft werden und deutlich stärker als die rund zehn Prozent, die ihr derzeit die Meinungsforschungsinstitute vorhersagen – denn sie erhält derzeit die meiste Aufmerksamkeit im Netz. Letztendlich wird jedoch auch der Einbezug von Big Data keine goldene Lösung für die Meinungsforschung sein.

Der Berliner Marcus Groß von INTW Statistics schwört auf das Modell des „Poll Pooling“: „Dabei kombinieren wir alle verfügbaren Umfragen, schauen dann, wie die einzelnen Meinungsforschungsinstitute bei den letzten Wahlen abgeschnitten haben und gewichten die Umfragen dementsprechend. So können wir vor allem mittel- und langfristige Trends erkennen“, sagt er. Derzeit prophezeit diese Methode der AfD zu einer Wahrscheinlichkeit von etwa 54 Prozent, drittstärkste Kraft im Bundestag zu werden und etwa zehn Prozent der Gesamtstimmen.

Trotz aller Versuche ist und bleibt die Meinungsforschung jedoch bis zuletzt eine Prognose. In die Zukunft schauen kann niemand. „Deshalb ist es wichtig, dass man die Fehlerbereiche solcher Umfragen mitveröffentlicht“, sagt Groß. Eben diese Transparenz wurde nicht zuletzt auch von den Medien in der Vergangenheit vernachlässigt, die Prognosen zu häufig als feststehende Vorhersagen interpretierten. Doch tatsächliche Ergebnisse liefert am Ende eben nur die tatsächliche Wahlentscheidung.

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