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Bundestagswahl 2017 Deutschland im Herbst

Ein Stadtfest in Brandenburg: Der Wahlkampf wird beherrscht von Fremdheitserfahrungen.

Herbstwetter
In diesen Tagen in Brandenburg. Foto: dpa

Der weiße arische Widerstand lächelte nicht, aber er wippte rhythmisch zum Takt der Musik mit dem Fuß. Im Hintergrund stand ein Schlagersänger auf der Bühne, der einmal ein großer Star war. Man war zum Stadtfest gekommen in das brandenburgische Städtchen. Es war kühl, obwohl die Sonne schien. Der weiße arische Widerstand war nicht zu einer Kundgebung angerückt, sondern bloß in Gestalt eines T-Shirt-Trägers da. Man unterhielt sich.

Eine entspannte Szene mit Freunden, Frauen und Kindern, Alltag in Brandenburg und anderswo. Das T-Shirt stellte für niemanden der Anwesenden eine Provokation dar, es war wohl auch nicht als solche gedacht. Eher trug er es einfach so, wie andere früher das Stones-Emblem, die große rote Zunge. War es überhaupt ein radikales Bekenntnis oder ergab sich die Beunruhigung allein in der Vorstellung des Betrachters?

Die Bezeichnung „weißer arischer Widerstand“ ist eine Rückübersetzung der gleichnamigen amerikanischen Nazi-Organisation White Arian Resistance. Hierzulande tauchte die Abkürzung WAW vor allem im Popkontext auf, und es gab einen rechtsradikalen, inzwischen gestorbenen Liedermacher, der unter dem Namen Hunderte Lieder in Umlauf brachte, oft rassistischen Inhalts.

Die Veränderung der sozialen Wirklichkeit

Zum Stadtfest waren auch die neuen Bewohner des brandenburgischen Ortes gekommen. Seit bald zwei Jahren leben hier über 300 Flüchtlinge, allein oder mit ihren Familien. Nicht nur aus Syrien, aber auch. Anfangs hatte es Streit um die Unterbringung gegeben. Der Landkreis hatte die Bürger ohne Information vor vollendete Tatsachen gestellt. Es dauerte einige Wochen, bis man im Stadtbild überhaupt etwas von der neuen Zusammensetzung der Population wahrnehmen konnte. Inzwischen jedoch sind die Zugezogenen unübersehbar. Meistens sind sie unter sich. 

Dabei hat es an bürgerschaftlichem Engagement, sie so schnell und so gut wie möglich einzubinden, nicht gemangelt. Die Lehrer in den Schulen waren besonders rührig, den neuen Schülern die Situation zu erleichtern. In der Adventszeit luden die Flüchtlinge zum gemeinsamen Kochen in ihre Unterkunft ein. Zum Stadtfest gab es eine Tanzaufführung mit Flüchtlingskindern und Einheimischen. Nicht wenige sind ernüchtert über die Wirkung ihres Engagements der ersten zwei Jahre. Das Bedürfnis nach Herstellung eines Gemeinschaftsgefühls wird immer häufiger mit ungewohnten Fremdheitserfahrungen konfrontiert. 

Die können mitunter durchaus als Gewinn erlebt werden, sorgen aber immer wieder auch für Irritationen. Manche der jungen Familien haben bereits zum zweiten Mal ein Kind bekommen, obwohl noch immer ungewiss ist, ob sie bleiben können. Läuft, wer darüber zu sprechen versucht, Gefahr, als Rassist wahrgenommen zu werden? Wie überhaupt darüber sprechen? Die heftigen Diskussionen, die um so etwas Abstraktes wie eine vermeintliche politische Korrektheit geführt werden, sind beim Finden der richtigen Worte nicht hilfreich.

Am Sonntag wird gewählt, aber im zurückliegenden Wahlkampf haben die Parteien auf Fragen wie diese kaum Antworten gefunden. Die Grünen nicht mit ihrem gut gemeinten Verständnispaternalismus, und die AfD schon gar nicht mit ihrem Sorgenrassismus. Es zeugt natürlich von einem verengten Weltbild, wenn die Kinder der anderen als Bedrohung wahrgenommen werden. Tatsächlich, so wird immer wieder gesagt, wird es erst die Generation der Neugeborenen sein, an der sich Integrationserfolge ablesen lassen. Bekommt sie die Chancen, die sie verdient hat?

Deutschland im Herbst. Der Mann mit dem T-Shirt steht nicht minder für die Veränderung der sozialen Wirklichkeit wie die Flüchtlinge mit ihren wechselnden Bedürfnissen nach Rückzug und ihren Bemühungen um Ankunft. In den Arenen der politischen Auseinandersetzung aber ist für beide Phänomene bislang kaum eine angemessene Form der Beschreibung gefunden worden. Und es wird nicht damit getan sein, am Abend des 24. Septembers angesichts des Einzugs der AfD in den Deutschen Bundestag erschrocken einen Rechtsruck auszurufen.

Das einst so viel gepriesene Modell der deutschen Konsensgesellschaft ist an ihr Ende gelangt, und es gibt noch funktionierendes Regelwerk für eine neue Kultur des Konflikts. Aber es wird nicht nur zu streiten sein, sondern es müssen auch neue Weg des Aushandelns gefunden werden. Und die Szenen aus der Provinz verweisen deutlich darauf, dass es in der kommenden Legislaturperiode mehr denn je darauf ankommen wird, die politische Wirklichkeit wieder von den Marktplätzen ins Parlament zu tragen. 

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