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Bundestagswahl 2017 Der Bundestag verliert sein breites Spektrum

Nach der Bundestagswahl werden einige prominente Abgeordnete von CDU/CSU nicht mehr im Bundestag sein. Was bleibt, wenn die gehen, die polarisieren?

Wolfgang Bosbach
Für Wolfgang Bosbach von der CDU endet mit der Bundestagswahl am 24. September 2017 eine lange politische Karriere. Foto: dpa

Sommer 2057: Die Frankfurter Rundschau widmet den ausscheidenden Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU eine Doppelseite. Ganz oben: Jens Spahn, 77 Jahre alt und seit rekordverdächtigen 55 Jahren im Parlament. Als „eines der letzten Urgesteine“ beschreibt der Korrespondentenroboter aus Berlin den CDU-Politiker. Da gehe „ein Mann mit klarem konservativem Profil. Einer, der polarisierte, aber bei Freund und Feind Ansehen genoss.“ Oder so ähnlich.

Fast bei jeder Wahl verliert das Parlament ein paar Mitglieder, die sich aus der Masse der fleißigen, aber eher unauffälligen Abgeordneten herausgehoben haben. Und fast jedes Mal entsteht der Eindruck, es werde immer einförmiger, immer langweiliger, der ganze Laden bestehe nur noch aus glatten Polit-Darstellern (wie dem Jens Spahn des Jahres 2017), die politische Auseinandersetzung verliere weiter an Leidenschaft und Überzeugungskraft.

So war es zum Beispiel in den Achtzigern und Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts. Da trat die Generation ab, die den Zweiten Weltkrieg noch bewusst erlebt hatte: Politiker wie der ehemalige SPD-Kanzler Willy Brandt (gestorben 1992) oder der CDU-Rechtsausleger Alfred Dregger, der 1998 das Parlament verließ, wurden als letzte Vertreter einer Epoche gehandelt, in der politische Haltungen noch klar unterscheidbar und die Auseinandersetzungen entsprechend niveauvoll waren.

Nun gehen – neben Jüngeren, die sich neu orientieren oder auch resignieren – vor allem Vertreter der 68er-Generation, und zwar an beiden Enden des politischen Spektrums. Erika Steinbach, lange Zeit eine Stimme des rechten Flügels in der CDU, und der linke Grüne Christian Ströbele sind Beispiele dafür. Und wieder könnte man klagend fragen: Wo sind die Jungen, die ein breites politisches Spektrum so profiliert repräsentieren?

Jens Spahn kann bereits polarisieren - das Ansehen kann ja noch kommen

Ganz unberechtigt mag die Frage nicht sein, denn tatsächlich entsteht hier und da der Eindruck, das politische Personal sei zu großen Teilen parteiübergreifend austauschbar. Viele derjenigen, die jetzt noch ziemlich am Anfang ihrer Politikerkarrieren stehen, sind groß geworden in einer angeblich post-ideologischen Epoche. Einer Zeit, in der es scheinen konnte, als ginge es nur darum, die ohnehin alternativlosen politischen Verhältnisse ordentlich zu verwalten.

Aber wer weiß: Vielleicht wächst in Zeiten globaler Umbrüche und Krisen das Bewusstsein wieder, dass in Alternativen denken muss, wer den Wandel bewältigen oder gar gestalten will. Und wenn es stimmt, dass die jewiligen Verhältnisse die passenden Protagonisten hervorbringen, dann könnte es schon sein, dass wir bald wieder mehr streitbare Politikerinnen und Politiker mit Haltung und Profil erleben. Die Älteren dieser Art, die jetzt gehen, würden sich wahrscheinlich freuen.

Sogar über Jens Spahn. Das Polarisieren beherrscht er bereits, und das Ansehen über Parteigrenzen hinweg kann ja noch kommen.

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