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Bundestag Nichts mehr, wie es war

Schon die erste Sitzung zeigt: Im neuen Parlament herrscht ein rauer Ton.

Bundestag
Gratulation: Die AfD-Fraktionschefs Gauland und Weidel (vorn) beglückwünschen Schäuble. Foto: dpa

Noch ist der Saal leer, da kommt Angela Merkel. Anderthalb Stunden sind es noch bis zur ersten Sitzung des neuen Bundestages. Noch anderthalb Stunden alte Verhältnisse also. Die Kanzlerin betritt den Plenarsaal und schaut sich um. Ein letzter Check, bevor sie losgeht, diese neue Wahlperiode, in der nichts so sein wird wie in den vorangegangenen. Eine in Teilen rechtsradikale Partei im Bundestag, eine Regierung aus vier Parteien, die schon in kleineren Konstellationen ihre Schwierigkeiten miteinander hätten. Angela Merkel wirkt, als wolle sie prüfen, ob wenigstens im Plenarsaal noch alles steht, als besichtige sie die Stätte eines politischen Erdbebens. Es wird, das kann man voraussehen, eine Sitzung mit sehr harschen Tönen, in der es einem Mann ganz unabsichtlich gelingt, die Spannung zu lösen.

Aber erst mal ist ja da nur die Optik. Mehr Sitze sind es als bislang, 709 Abgeordnete, das ist Rekordgröße. Der chinesische Volkskongress schafft es noch darüber. Im Plenarsaal sind die hinteren Reihen aufgestockt bis kurz vor die Glasscheiben, die den Saal von der Lobby trennen. Zwei von fünf Abgeordneten sind neu. Es gibt drei Landwirte, 20 Lehrer, 115 Juristen und einen Buchhändler, der außerdem mal Kanzlerkandidat war. Die Zahl der Frauen ist drastisch gesunken.

Aber es sind immer noch die gleichen Stühle, Schweizer Design, in diesem ganz speziellen Blau. Auf manchen Plätzen im Plenarsaal liegen bereits bunte Mappen, wie Handtücher auf den Liegen am Hotelswimmingpool. Bei einem SPD-Abgeordneten ist der Platzhalter keine Mappe, sondern das Buch „Psychologie der Macht – Wie wir kriegen, was wir wollen“. Gute Lektüre für eine künftige Oppositionspartei.

Aber an der Rückwand des Saals hängt immer noch hoch oben der riesige metallene Bundesadler, Blick nach rechts. Was alles so Bedeutung bekommt in diesen Tagen. Rechts steht tatsächlich gerade ein sehr früh erschienener AfD-Abgeordneter, einer von 92, Martin Renner. Allein mit der Kanzlerin.

Merkel geht, die Fraktionen versammeln sich noch einmal.

Sie haben gerade schon einen Gottesdienst hinter sich gebracht, ein Teil der Abgeordneten zumindest. In der Französischen Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt haben sie „Die güldene Sonne“ gesungen, mit dem Liedtext: „Alles vergehet, Gott aber stehet, ohn’ alles Wanken“ heißt es darin, und „aber nun steh ich hier munter und froh“. Auf der ersten Kirchenbank sitzt die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, neben Alice Weidel von der AfD. Und Distanz geht da erst mal nicht: Beim Friedensgruß zum Ende der Andacht schütteln sich beide dann doch die Hand. Munter vielleicht, aber vermutlich nicht so froh.

Und dann füllen die Abgeordneten langsam den Bundestagssaal. Von der FDP ist eine Vorhut gekommen, eine ganze Gruppe, die Liberalen sind ein Stück in die Mitte gerückt. Ihre früheren Plätze ganz außen rechts hat nun die AfD eingenommen, ein schmaler, sehr eckig gezogener Gang trennt die beiden Fraktionen. Die Liberalen-Gruppe wirkt ein wenig, als wolle sie sichergehen, dass die AfD ihnen nun nicht auch noch ihre neuen Plätze nimmt.

Deren Abgeordnete allerdings haben erst einmal anderes zu tun: Fotos mit Bundesadler, mit Deutschlandfahne. Auch sie können sich dem Moment nicht entziehen. Die AfD, eine sehr männergeprägte Gruppe, ist auf Entdeckertour im Bundestag. Und während im Rest des Saales alle ein wenig mit allen reden, die Grünen mit der FDP, Angela Merkel mit den Grünen, Unions-Fraktionschef Volker Kauder sich sogar zur SPD verirrt, bleibt die AfD sehr für sich.

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