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Angela Merkel „Ein erheblicher Teil hört keine Sekunde zu“

Kanzlerin Angela Merkel spricht im Interview mit der FR über die Autobranche, Pöbeleien auf Wahlkampfveranstaltungen, den Unterschied von Ost und West und ihr positives Deutschland-Bild.

Angela Merkel
„Wir müssen außerdem die Lehrer fit für die Anforderungen des digitalen Fortschritts machen. Oft sind die Schüler da schneller und besser als ihre Lehrer“, sagt die Kanzlerin. Foto: Paulus Ponizak

Frau Merkel, Sie liegen in den Wahlumfragen vorne. Auf Wahlkampf-Veranstaltungen schlägt ihnen aber häufig Hass entgegen, mit durchgehenden Trillerpfeifen-Konzerten und Volksverräter-Rufen. Wie erklären Sie sich diese Aggression?
Auslöser mögen konkrete politische Entscheidungen sein, aber Menschen, die dort pfeifen und brüllen, haben erkennbar kein Interesse mehr, zuzuhören. Was man aber nie vergessen darf: Auf den Plätzen sind immer in der großen Mehrzahl Menschen, die zuhören und sich demokratisch informieren möchten. 

Sind die Leute mit den Trillerpfeifen erreichbar für Sie?
Ein erheblicher Teil hört keine Sekunde zu und kommt auch gar nicht, um für Argumente erreichbar zu sein. Ob sie hinterher noch nachdenken, weiß ich natürlich nicht.

Sie werden massiv beschimpft. Ficht Sie das nicht an?
Nein. Mir ist es wichtig, auch im Wahlkampf nicht nur die vermeintlich bequemen Orte zu besuchen. Es ist wichtig, den vielen Menschen, die zuhören und sich eine Meinung bilden wollen, die Möglichkeit dazu zu geben. Und jede Veranstaltung ist auch eine Ermutigung derer, die sich gegen Hass stellen. 

In Ostdeutschland ist der Protest besonders laut. Vielleicht liegt das auch an der wirtschaftlichen Entwicklung. Der Jahresbericht zur Deutschen Einheit konstatiert ja, dass einige Regionen nicht mehr aufholen können. 
Der Bericht sagt auch, dass eine Menge geschafft wurde. Aber es gibt noch Verbesserungsbedarf. Allerdings gibt es den auch in den alten Bundesländern. Auch dort gibt es signifikante Unterschiede, etwa zwischen Bayern und manchen Regionen in Nordrhein-Westfalen. 

Sollte man den Ost-West-Vergleich also zum gesamtdeutschen Vergleich ausweiten?
In jedem Fall ist die Frage der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse, die natürlich unser Ziel ist, keine rein ostdeutsche Debatte mehr.

Und kann man die Unterschiede noch ausgleichen?
Dafür ist Bayern ein gutes Beispiel: Da gab es vor Jahrzehnten auch Regionen, die abgehängt schienen. Das Land hat dann eine bewusste Dezentralisierungspolitik betrieben und Hochschulen, Fachhochschulen angesiedelt. Heute haben sich die Unterschiede zum Beispiel in der Arbeitslosenquote weitestgehend angeglichen. Eine gezielte Förderung ist also nötig und möglich.

Was heißt das? Bundesbehörden ins Oderbruch oder ins Bergische Land?
Ein gutes Beispiel ist die Ansiedlung des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik in Greifswald. Wissenschaftler zogen von München dorthin, das war anfangs sicher nicht so beliebt. Aber längst ist dort ein sehr lebendiges Zentrum entstanden, die Lebensqualität ist hoch. Ein anderer Punkt: Wenn der Bund den Breitbandausbau im ländlichen Raum fördert, dann ist das nicht irgendeine Subvention, sondern gezielte Struktur- und Zukunftspolitik, um gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen. 

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